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„Cemetery of Splendour“ im Kino

Cemetery of Splendour

Das Kino von Apichatpong Weerasethakul ist keine Traumfabrik, sondern ein labyrinthisches Traumarchiv, in dem das Gegenwärtige und das sehr Ferne in unmittelbarer Nähe stehen. Seine Erzählungen gehen aus von konkreten Orten als Kraftzentren, von denen sich dann das Geschehen verzweigt. Hier ist es eine Krankenstation in der nordthailändischen Provinz, in der Soldaten in dicht aufgereihten Betten liegen. Sie leiden an einer geheimnisvollen Schlafkrankheit. Jen, eine Freiwillige, die sich um die Männer kümmert, lernt in seinen kurzen Wachphasen den jungen Itt kennen und trifft das Mädchen Keng, ein Medium. Von zwei Göttinnen des nahegelegenen Tempels erfährt sie, dass die Schlafenden Geiseln verstorbener Könige sind. Mithilfe von Keng tritt Jen in Itts Traum- und Gedankenwelt ein.
Fremde Träume, Geister, aber auch materielle Phantasiewesen bevölkern die Szenerie, die in Weerasethakuls Heimatstadt Khon Kaen spielt. Längst verstorbene Prinzessinnen steigen von ihren Altären und kaufen sich auf dem Markt bunte Kleider. Itt und Keng selbst sind fast Märchenfiguren, die eine humpelt, die andere kann mit Geistern sprechen. Staunend wird die Zärtlichkeit der Frauen in Szene gesetzt. Sie treffen sich im Skulpturenpark unter Bäumen am Seeufer, sitzen auf Zementbänken und reden von Männern, meistens von Soldaten. Die kleinen Bänke scheinen einen seltsamen Magnetismus mit Anziehung und Abstoßung auszuüben: Menschen lassen sich nieder, stehen sofort wieder auf, wechseln zur nächsten Bank und verlassen auch diese gleich wieder. Das Licht ist hell, aber leicht milchig, eine diesige Monsunwelt des ewigen Mittags, der Hitze vor dem Regen. Der Film arbeitet mit einer Fülle von Aufsichten und Symmetrien, von Licht- und Spiegeleffekten.
Die filmische Argumentation ist choreographisch zu lesen: die Bewegungen kreisen um den hölzernen Saal, in dem die Betten der schlafenden Soldaten unter den fast immer geöffneten Fenstern stehen. Es ist eine ehemalige Schule, umgeben von großen tropischen Bäumen, in deren Blättern der Wind rauscht und raunt und mit dem sich träge an der Decke drehenden Ventilatoren in Dialog tritt. Dieser Raum zieht Menschen an, ist auf paradoxe Weise belebt und unterscheidet sich so von der Umgebung, in der die oft leeren Orte eine tropische Tristesse ausstrahlen. Hier liegt auch die Spiegelachse der politischen Parabel: seit Anfang des Jahrtausends wurden die demokratischen Strukturen im Königreich Thailand zerrieben in einem Mahlstrom von Korruption, Klientelwirtschaft sowie regionalen und ethnischen Konflikten, bis es 2014 nach Massenprotesten in Bangkok zu einem Militärputsch kam.
Die Gründe für die gegenwärtige Friedhofsruhe der Militärdiktatur liegen im Versagen der Vergangenheit, und nur in Auseinandersetzung mit ihr kann ein Ausweg gefunden werden. Am Ende ist aus der Baustelle auf einer Wiese unter Bäumen direkt neben der Krankenstation, die in der ersten Einstellung zu sehen ist, eine sandige Mondlandschaft geworden. Dazwischen spielen Kinder Fußball, und der Staub, den sie aufwirbeln, tanzt lange in der Luft wie hartnäckige Geister. So schlafwandlerisch und zugleich hellwach war politisches Kino selten.

Text: Stella Donata Haag

Foto: Rapid Eye Movies

Orte und Zeiten: „Cemetery of Splendour“ im Kino in Berlin

Cemetery of Splendour (Rak ti Khon Kaen), Thailand 2015; Regie: Apichatpong Weerasethakul; Darsteller: Jenjira Pongpas (Jenjira), Banlop Lomnoi (Itt), Jarinpattra Rueangram (Keng); 122 Minuten

Kinostart: Do, 14. Janaur 2016

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