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„Chaplin Complete“ im Babylon Mitte

Charlie Chaplin:

In siebzig Jahren, so schrieb der Filmkritiker Rudolf Arnheim 1929 in der Weltwoche, werde es ein Filmmuseum geben, in dem sich „die Filmleute“ gelegentlich „einen alten Meister“ vorführen ließen, da würden sie „eine Stunde auf ihren Sitzen zappeln und dann mit verdrehten Augen auf die Straße torkeln“, um sich zuzuflüstern: „Kunststück, ein echter Chaplin!“
So ganz unrecht hatte Arnheim mit seiner Zukunftsvision nicht, allein, dass sich die heutige Verehrung Chaplins nicht ausschließlich auf Fachleute beschränkt, sondern weltweit noch immer ein Massenpublikum betrifft, konnte der Kritiker nicht erahnen. So groß ist die allgemeine Wertschätzung des Komikers, dass er sogar als Protagonist eines vom Babylon Mitte veranstalteten Berliner Sommer-Events herhalten darf: Chaplins Filme komplett in zwei Wochen bis Ende Juli, mit und ohne große Orchesterbegleitung, teils in analogen, teils in digitalen Kopien, mit Grußwort von Klaus Wowereit und Chaplin-Tochter Geraldine, sowie einer Umsonst-und-draußen-Vorführung von „The Great Dictator“ (1940) am Brandenburger Tor.
Doch was macht eigentlich die Faszination von Charlie Chaplin aus? Das fragten sich schon Filmjournalisten wie Arnheim, zumal sie bereits damals die Limitationen Chaplins als Regisseur erkannt hatten: Weit­gehend starr guckt die Kamera in seinen Filmen in Totalen und Halb­totalen auf das Geschehen, elegante Kamerabewegun­gen gibt es da ebenso wenig wie akzentuierende Großaufnahmen und Montage. Vom Prinzip des Szenenaufbaus früher Slapstick­komödien ist Chaplin niemals abgegangen – ein Spätwerk wie „Monsieur Verdoux“ (1947) sieht im Grunde genauso aus wie jene Filme, mit denen er 1914 seine Karriere als Regisseur begonnen hatte. Und anders als die Filme seines Konkurrenten Buster Keaton, der schon früh begonnen hatte, Gags und Handlung so miteinander zu verzahnen, dass sie sich gegenseitig antreiben, besitzen Chaplins ­Komödien auch keine mitreißende Narration – im Gegenteil, sie mäandern, blicken hier und dorthin, entwickeln kleine Erzählungen, die auch schon mal mittendrin abbrechen, ohne nach einer zwingenden Auflösung zu suchen.
Charlie Chaplin: Doch genau dies kann man auch als Stärke seiner Filme sehen: Chaplins Komödien besitzen eine Art musikalische Poesie, während sie sich an der alltäglichen Groteske des Lebens abarbeiten, in der die Figur des kleinen Tramps, die sich Chaplin 1914 für seinen zweiten Film für Mack Sennetts Keystone-Studio ausgedacht hatte, zur Verkörperung des einfachen Mannes wird, der sich in einem dauernden surrealen Kampf sowohl mit der Dingwelt als auch mit den Autoritäten der Gesellschaft befindet. Dass Chaplin aus ärmlichen Verhältnissen stammte und etwa den Hunger tatsächlich kannte, den er in „The Gold Rush“ beschreibt, wenn er in einer berühmten Szene versucht, seinen Stiefel zu essen, mag zu seiner Glaubwürdigkeit weiter beigetragen haben. Chaplin verstand die Menschen – und sein Publikum versteht ihn noch heute. Zumal der Tramp dank seines Witzes, seiner Wendigkeit und seines fantastischen tänzerischen Talents immer wieder das kleine Sandkörnchen im Getriebe der modernen Zeiten war, deren Drang nach Uniformität und Effizienz die Menschen überall in der Welt nur zu gut kennen.
Nachdem die Stummfilmzeit auch für Chaplin endgültig vorbei war, bekamen seine Filmbotschaften einen Predigtton, der uns heute veraltet erscheinen mag. Doch Hand aufs Herz: Sind wir nicht alle froh, dass wir am Brandenburger Tor statt Nazi-Aufmärschen heute den Film eines großen Humanisten sehen können, der am Schluss seiner Hitler-Satire „The Great Dictator“ de facto aus seiner Rolle heraustritt und als engagierter Privatmann und Künstler ein Bekenntnis zu Demokratie, Liebe und universellem Verständnis ablegt?  Das mag so unfilmisch sein wie es will, es ist einfach gut so.

Text: Lars Penning

Chaplin Complete, Eröffnung am Fr 15.7. im Babylon Mitte in Anwesenheit von Geraldine Chaplin.

Programm unter www.babylonberlin.de

Der große Diktator, USA 1940; Regie:Charles Chaplin; mit Charles
Chaplin, Paulette Goddard, Jack Oakie, 125 Minuten, 35mm, OmU, Brandenburger Tor, Fr. 15.7., 22 Uhr, umsonst und unbestuhlt

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