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"Chevalier" im Kino

"Chevalier" im Kino

Im Urlaub sollten alle möglichen Dinge mal Pause machen: die Arbeit natürlich, der Stress nach Möglichkeit, unter Umständen auch das Ego, das einen die ganze Zeit so unter Druck setzt. Und Sex macht ­sowieso Stress, also lassen die sechs Männer, die in "Chevalier" auf einem Boot so richtig die Seele baumeln lassen wollen, ihre Frauen zu Hause.
So können sie sich ganz entspannt ihren kleinen Bedürfnissen widmen: Ab und zu einen Fisch aus dem Wasser ziehen, oder es einmal mit dem Speedboat so richtig knallen lassen. Abends dann fein essen, gute ­Gespräche führen, morgens lange schlafen. Ein Traum­urlaub, könnte man meinen, wäre da nicht diese nagende Langeweile. Irgendwie fehlt etwas. Also schaffen die Herren sich ein wenig Abwechslung. Sie rufen einen Wettbewerb aus. Von nun geht es in den verbleibenden Tagen darum, wer "Der Beste" ist. Der Beste in welcher Disziplin? Nein, nein, wenn schon, denn schon: Sie wollen herausfinden, wer "der Beste in allem" ist.
Das lässt natürlich immer noch Spielraum. Schließlich kann man auf einer kleinen Yacht und in einer menschenleeren Felsenbucht nur bestimmte Dinge ausprobieren. Die naheliegenden Konkurrenzmotive spielen selbstverständlich eine Rolle: Wer hat den Größten? Aber auch da gibt es Probleme? Wie misst man, und wann misst man, und wie oft misst man? So kommt es, dass einmal nachts einer der sechs mit erregtem Glied in die ­Kabine eines anderen stürmt: Er möchte noch einmal vermessen werden.
Die griechische Regisseurin Athina Rachel Tsangari hat mit "Chevalier" einen wunderbar absurden Film über männliche Rivalitäten gemacht. Zweifellos könnte man einen vergleichbaren Film auch über Frauen drehen, schließlich geht es hier in erster Linie um die stereotypen Bilder, die wir von den Geschlechtern haben – und denen die Geschlechter wiederum sehr häufig zu entsprechen versuchen.
Die sechs Männer (plus zwei in der Küche, die zum Ende hin auch noch eine wichtige Rolle spielen) sind alle auf die eine oder andere ­Weise von ihrem Idealbild ein bisschen ­entfernt: Der eine ist zu pummelig, bei dem anderen läuft es im Beruf nicht ganz so wie gewünscht. Es sind Alphatiere an Bord wie der "Doktor", aber auch weniger durchsetzungsfähige Vertreter des starken Geschlechts, das hier offensichtlich sehr darunter leidet, immer und in allem "der Beste von allen" sein zu müssen.
Der eigentliche Clou in "Chevalier" ist, dass die Regisseurin ein Spiel ausruft, dessen Regeln nicht ausreichend definiert sind. Es geht also in der Folge immer auch darum, sich darüber zu verständigen, ob der Wettbewerb rechtens ist, oder ob man nicht gerade reingelegt wird. Von Standards im strengen Sinn kann jedenfalls keine Rede sein. Dahinter steckt deutlich eine Gesellschaftsmetapher: Nur so kann das soziale Leben in der Moderne funktionieren, als ein Spiel, dessen Regeln immer wieder neu festgelegt werden müssen, weil sie ständig ­gebrochen werden. Die Frage ist nur, ob es ­dabei eigentlich Sieger geben kann, oder ob alle im Grunde Verlierer sind, ob der Mensch – der Mann – überhaupt zu einem anderen Sozialverhalten als zu einem destruktiven "Jeder gegen Jeden" in der Lage ist.
Athina Rachel Tsangari zählt zu jener jungen Generation des griechischen Kinos, die seit einigen Jahren für Furore sorgt, indem sie solche vertrackten Fragen stellt. 2010 hatte sie mit "Attenberg" ein starkes Debüt, bei ­"Chevalier" arbeitete sie mit dem Drehbuchautor Efthymis Filippou zusammen, der auch an den ungewöhnlichen Filmen von Yorgos Lanthimos ("Dogtooth", "Alpen", "The Lobster") beteiligt war.
Wenn es ein Charakteristikum dieser "Athener Schule" gibt, dann vielleicht ein starkes Interesse an den Übergängen zwischen Natur und Kultur. In "Chevalier" etwa beobachten wir Männer mit dem kühlen Blick von Verhaltensforschern. Tsangaris zeigt sie uns, als wären sie Vertreter einer seltsamen Spezies, und aus diesem kühlen Blick entsteht eine ganz eigene Komik. Denn die Männer nehmen sich sehr ernst, und Tsangari macht nicht den Fehler, sie auch nur im Geringsten ins Lächerliche zu ziehen. Das müssen sie schon selber tun.
Unwillkürlich durchsucht man den Film auch nach Anspielungen auf die Krise, die in Griechenland seit Jahren das Leben bestimmt. Aber auch in dieser Hinsicht ist "Chevalier" sehr pointiert: Eine große Krise gibt es nicht, nur den Alltag einer mittleren Elite, die alles auf Konkurrenz bürstet. Der Urlaub endet in einer gewissen Erschöpfung. Damit hat "Chevalier" die Krise dann doch noch eingeholt.

Text: Bert Rebhandl

Foto: Rapid Eye Movies

Orte und Zeiten: Chevalier

Chevalier
GR 2015, 108 Min., R: Athina Rachel Tsangari, D: Yorgos Kendros, Panos Koronis

?Kinostart: Do, 21. April 2016

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