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„Cheyenne – This Must Be The Place“ im Kino

Cheyenne

Bleich geschminkt, die Augen mit Kajal untermalt, mit rotem Lippenstift-Kussmund und imposant aus der Mode gekommener Krähennest-Frisur agiert Cheyenne (Sean Penn) in Paolo Sorrentinos erstem englischsprachigem Spielfilm. Das Äußere des nicht mehr aktiven New-Wave-Goth-Stars erinnert an Robert Smith von den Cure. Hölzern und mit zerbrechlich nasaler Stimme bewegt er sich durch Dublin. Um ihn herum findet sich eine bizarre Entourage, die ihm bei Einkaufstouren in der futuristischen Mall oder beim Pelotaspiel im wasserlosen Pool der großzügig geschnittenen Villa Gesellschaft leistet.
Eine schwere Schuld liegt auf Cheyenne. Seit 20 Jahren hat er keine Musik mehr gemacht, seit sich ein Fan wegen seiner depressiven Songs das Leben nahm. Dann plötzlich bricht er auf nach New York. Sein Vater ist gestorben, ein Auschwitz-Überlebender, und der sich in seinem bizarren, statischen Setting eingerichtet habende Film bekommt plötzlich eine Anmutung von Dynamik, wenn Cheyenne sich auf die Suche durch den Mittwesten der USA macht, der Spur des SS-Manns folgend, den sein Vater noch kurz vor seinem Tod beinahe aufgespürt hatte.
Doch die erhoffte Bewegungsinjektion des Roadmovies nutzt der Regisseur nicht, um die bizarre Statik seines Films aufzubrechen. Cheyennes Reise durch mehrere US-Staaten ist mit der gleichen hyperrealistischen Fotografie wie zuvor aufgenommen, in der die Figuren oft in weiten, zentralperspektivischen Totalen isoliert und wie verloren wirken.
„This Must Be the Place“ bemüht sich, ein Maximum an Skurrilem neben Geschichten von höchster Schuld und Sühne zu setzen. Aber auch bei größter Geduld verstimmen die hochgestapelten Merkwürdigkeiten, die Cheyenne auf seiner Reise zustoßen (die weltgrößte Pistazienskulptur, ein Treffen mit David Byrne von den Talking Heads und eines mit dem vermeintlichen, von Harry Dean Stanton gespielten Erfinder des Rollkoffers). Denn man erkennt die nicht überzeugende Absicht des Regisseurs, mit ostentativer Unbekümmertheit das Erzählen des Beliebigen und Zufälligen mit dem von individueller Vergangenheitsbewältigung zu kombinieren.

Text: Michael Baute

Foto: Delphi Filmverleih

tip-Bewertung: Zwiespältig

Orte und Zeiten: „Cheyenne – This Must Be The Place“ im Kino in Berlin

Cheyenne – This Must Be The Place (This Must Be The Place), Italien/Frankreich/Irland 2011; Regie: Paolo Sorrentino; Darsteller: Sean Penn (Cheyenne), Frances McDormand (Jane), Judd Hirsch (Mordecai Midler); 118 Minuten; FSK k.A.

Kinostart: 10. November

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