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„Chico & Rita“ im Kino

Chico & Rita

Ausschließlich für Erwachsene konzipierte Animationsfilme sind ein rares Gut. Wenn statt der Abenteuer von vermenschlichten Urtieren, unternehmungslustigen Clownfischen oder kochenden Ratten plötzlich gezeichnete menschliche Figuren mit all ihren komplexen Beziehungen und Problemen auf der Leinwand erscheinen, bleiben die Zuschauer meist aus. Trickfilm ist Kinderkram, so denken leider immer noch viele Kinogänger, insbesondere in Deutschland, wo Animation im Kino über Jahrzehnte hinweg eigentlich nur von Disney-Filmen repräsentiert wurde und es auch keine nennenswerte Tradition von Comics für Erwachsene gibt. Da sind uns unsere europä­ischen Nachbarn etwa in Belgien, Frankreich und Spanien immerhin schon ein Stück voraus.
Aus letzterem Land kommt nun auch „Chico & Rita“ zu uns, ein animiertes musikalisches Melodram um das Auf und Ab einer (Nicht-)Beziehung zwischen der kubanischen Sängerin Rita und dem Pianisten und Komponisten Chico, das sich – überwiegend in Rückblenden erzählt – vor dem Hintergrund des präkommunistischen Havanna und der Bebop-Jazz-Ära in New York entwickelt. Dabei setzen die Regisseure Fernando Trueba und Javier Mariscal auf eine klare Abgrenzung zum immer detailreicher werdenden Computeranimationsfilm: In ihren handgezeichneten Bildern sind die Figuren eher flächig als realistisch angelegt, eine zurückgenommene Farbpalette aus Braun-, Grau- und Gelbtönen stilisiert die Schauplätze des Geschehens noch zusätzlich und verleiht ihnen die Patina der Erinnerung an längst vergangene Zeiten.
Chico & RitaTrotz der stilisierten Zeichnung fehlt es den Figuren nicht an charakterlicher Tiefe: Die sprunghafte Rita und der unstete, oftmals unsensible und eifersüchtige Chico sind wahrlich nicht als potenzielles Traumpaar konzipiert, doch den Regisseuren gelingt ein sehr komplexes Spiel aus Anziehung und Enttäuschung, tragischen Missverständnissen und Verrat, stets befeuert durch die Rhythmen lateinamerikanischer Musik, des amerikanischen Jazz und einer fast körperlich greifbaren Erotik.
Dass die FSK den Film in Deutschland ohne Altersbeschränkung freigegeben hat, ist angesichts von freizügigen Sexszenen und frontaler Nacktheit (sowie von Drogenkonsum und Mord in einer Szene, die das tödliche Ende des berühmten Perkussionisten Chano Pozo nachstellt) zweifellos ein eher merkwürdiges Votum. Wenn Sex, Drogen und Mord das seelische Wohl von kleinen Kindern nicht beeinträchtigen, was denn sonst? Zumal die Filmstory mit ihren mannigfaltigen Verschränkungen der menschlichen Beziehungen mit Aspekten der Musikgeschichte und dem politisch-zeithistorischen Kontext für Jugendliche unter 16 Jahren weder greifbar noch sonderlich interessant sein dürfte.
Denn Trueba und Mariscal erzählen ganz nebenbei auch von jener Zeit, als Kuba noch eine mafiöse Spielhölle war und als Bordell reicher US-Amerikaner diente, die sich dort ganz ungeniert als quasi-koloniale Imperialisten gerieren konnten. Schwarze Kubaner kommen in die Clubs allenfalls als Bedienstete, Musiker oder Prostituierte hinein – eine Geschichte, die sich fortsetzt, als Rita mit der Unterstützung eines amerikanischen „Gönners“ eine Musik- und Filmkarriere in den USA beginnt und trotz ihres Starstatus nur eine leidlich geduldete Bürgerin zweiter Klasse bleibt. Am Ende nimmt der Film nach all den Rückschlägen, die seine Figuren zu erdulden haben, noch eine fast märchenhafte Wendung. Verdient haben „Chico & Rita“ sie allemal.

Text: Lars Penning

Fotos: Kool Filmdistribution

tip-Bewertung: Sehenswert

Orte und Zeiten: „Chico & Rita“ im Kino in Berlin

Chico & Rita, Spanien/Großbritannien 2010; Regie: Fernando Trueba, Javier Mariscal; 94 Minuten; FSK 0

Kinostart: 30. August

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