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„Chloe“ von Atom Egoyan im Kino

Um es gleich vorweg zu nehmen: Vom Ende her gesehen ist Atom Egoyans „Chloe“ eine mittlere Enttäuschung. Da nämlich verflacht ein subtiles erotisches Drama zur wüst erfundenen Genre-Story, wandelt sich eine vielschichtige Reflexion über erwachsene Beziehungen in eine Art lesbische „Fatal Attraction“, wird, kurz gesagt, der bis dahin geschnürte Knoten brachial durchschlagen statt behutsam gelöst. Doch es wäre ein Fehler, den Film zu verwerfen, nur weil die Verantwortlichen ebensowenig einen Ausweg aus dem Dschungel der Leidenschaften finden wie die Figuren, die sie zuvor dort hinein- und in die Irre geschickt haben. Es ist nämlich – natürlich – kompliziert: Catherine fühlt sich von Mann und Sohn aus deren Leben ausgeschlossen; ihren Mann verdächtigt sie zudem der Untreue und setzt, um Gewissheit zu erlangen, die Prostituierte Chloe auf ihn an, die Bericht erstatten soll über Stand und Fortgang der Affäre.
Welcher Affäre, ist bald die Frage, denn Chloes Verbalerotik löst in Catherine unvor- hergesehene Begierden aus, während wiederum Chloe sich auf ihre ungewöhnliche Kundin womöglich etwas zu sehr einlässt. Und schon verfangen sich alle vier in einem Gespinst aus Betrug und Erregung, Verführung und Manipulation, finden sich wieder in einem Spiegelkabinett aus Täuschungen und Projektionen – und wie nicht anders zu erwarten, wenn Sexualität und Machtausübung kollidieren, geht es ohne Opfer nicht ab. Das Drehbuch zu „Chloe“ hat Erin Cressida Wilson basierend auf dem französischen Film „Nathalie …“ von Anne Fontaine aus dem Jahr 2003 geschrieben. Bereits mit ihrem 2002 von Steven Shainberg verfilmten Buch zu „Secretary“ bewies Wilson große Sicherheit im Umgang mit Erotik jenseits der Missionarsstellung.
So ist denn auch „Chloe“ immer dann besonders sehenswert, wenn die Schauspieler sich ganz den widersprüchlichen Gefühlen und der doppeldeutigen Kommunikation ihrer Charaktere widmen dürfen.
Dabei werden sie von Egoyans elegantem visuellen Stil unterstützt, der genügend Raum schafft für das Immaterielle, die Sehnsucht nach dem Erkanntwerden.

Text: Alexandra Seitz

tip-Bewertung: Sehenswert

Orte und Zeiten: „Chloe“ im Kino in Berlin

Chloe, Kanada 2009; Regie: Atom Egoyan; Darsteller: Julianne Moore (Catherine Stewart), Liam Neeson (David), Amanda Seyfried (Chloe); Farbe, 96 Minuten

Kinostart: 22. April

Lesen Sie hier: Ein Interview mit Regisseur Atom Egoyan

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