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Christian Ulmen im Gespräch

Christian_Ulmen_als_Uwe_Woellnertip Herr Ulmen, Sie rauchen ja. Dabei hatten Sie doch mal angekündigt, mit 30 das Rauchen aufzuhören. Hat es nicht geklappt?
Christian Ulmen Doch! Es hat geklappt! Es hat wirklich geklappt. Ich habe nur wieder angefangen. Leider. Vor drei Monaten. Für un­sere Figur Uwe Wöllner aus „Ulmen.tv“, der kriegt jetzt seine eigene Autobiografie, die ist gerade rausgekommen. Ja, und den Zeitaufwand habe ich völlig unterschätzt. Ich dachte: im Januar mal das Buch für Uwe machen. Und dann merkte ich aber: Ein Monat reicht nicht. Und dann bin ich in solchen Stress geraten, dieses Buch herzustellen, dass ich wieder anfing zu rauchen. Ich dachte, okay, ich schreib jetzt dieses Ding runter, und dann rauch ich dabei halt zur Stressbewältigung. Jetzt ist das Buch fertig – aber ich bin immer noch drin. Mit 40 hör ich wieder auf. (lacht)

tip In der Bestsellerverfilmung „Maria, ihm schmeckt’s nicht!“ spielen Sie jetzt einen deutschen Schwiegersohn, der auf einen italienischen Schwiegervater trifft. Das führt zu einigen Missverständnissen, Pannen und Peinlichkeiten. Konnten Sie da persönliche Erfahrungen beisteuern?
Ulmen Ja, das Schwiegervaterding kennt, glaube ich, jeder – dass du, wenn du den Eltern der Freundin vorgestellt wirst, beäugt wirst und dass du gemocht werden willst, bitte, um jeden Preis – und dass dies eben manchmal nicht sofort funktioniert. Und das mit dem Deutschsein kennt auch jeder Deutsche, dass man sich als Deutscher manchmal uncool fühlt, das hat jeder auch schon erlebt. Ich weiß zum Beispiel noch, wie das war, als ich bei MTV angefangen habe zu moderieren, auf Englisch noch, weil wir aus London sendeten. Ich war damals 19 oder 20 Jahre alt und kam gerade von der Schule und sprach halt Englisch, so wie ich es gelernt hatte, mit einem starken deutschen Akzent – ich habe das auch ein bisschen kultiviert, natürlich –, und es hagelte Kritik aus Deutschland. Die Engländer fanden es lustig, diesen „German Kraut guy“, auch die Spanier, eigentlich alle. Nur aus Deutschland kam: „Peinlich! Wie redet der Englisch!“ Die Deutschen haben sich für mich geschämt. Ich finde das exemplarisch.

Maria,_Ihm_schmeckts_nichttip Mit Deutschenklischees haben Sie also Erfahrung. Im Film gibt es ja einen sehr liebevollen Umgang mit Klischees, sie sind nicht nur Lachnummern, sondern es wird ihnen ja fast auch so etwas wie eine Würde gegeben.
Ulmen Na ja, ich würde sagen, die Italiener tragen ihre Klischees mit Würde vor sich her; bei den Deutschen hat man den Eindruck, sie sind sich ihrer Klischees manchmal gar nicht bewusst oder verdrängen sie. Auch Jan wird sich ja seiner Klischees erst in der Konfrontation mit den italienischen Klischees bewusst. Die wollen alle zum Strand, und er liegt da und findet das überhaupt nicht gut. Oder er will immer heute zum Standesamt, und die sagen immer: „Morgen, morgen, morgen.“ Damit wird er sich erst bewusst, wie deutsch er ist. Und in der Realität ist es, glaube ich, auch wirklich so, dass der Deutsche sein Klischee nicht wirklich mit Würde vor sich herträgt, sondern vielmehr mit Ekel.

tip Stichwort Ekel und Umgang mit Alltagspeinlichkeiten: Der deutsche Schwiegersohn Jan ist eine Rolle, in die Sie unglaublich gut hineinpassen. Die Figur hat in ihrer Ungeschicklichkeit sozusagen etwas „Ulmenhaftes“, sie erinnert an viele andere Charaktere, die Sie auch schon gespielt haben. Was ist das Ulmenhafte?
Ulmen Das weiß ich nicht. Natürlich ist es immer Spiel – weil man ja sowieso permanent eine Rolle spielt. Und im Film spielt man eine Filmfigur. Ich weiß nicht, was es ist. Es ist meine Art, die Rollen anzulegen. Und ich würde sagen, dass man zumindest im Kino immer für Figuren besetzt wird, die eine Verwandtschaft haben. Ist einfach so. Und dann haben die auch alle gemein, dass ich mich immer mit denselben Mechanismen einer Rolle annähere.

tip Was genau sind denn diese Mechanismen?
Ulmen Ach, das kann ich immer nicht erklären. Da muss man es so versprachlichen, das ist so ein Prozess wie Fahrradfahren, da kann man auch nicht wirklich erklären, wie es geht, man sitzt halt drauf, und dann fährt man.

tip Aber es gibt ja, wie Sie selbst sagen, etwas Verbindendes auch in Ihrer Rollenwahl. Zum Beispiel diese Auseinandersetzung mit Peinlichkeit, das ist ja auch das Früheste, das in Ihrer Karriere prägend war, auch bei MTV. Woher kommt diese Lust am Schockeffekt, dieses Interesse am Peinli­chen?
Ulmen Ich finde, das sind die lus­tigsten Momente. Für mich ganz persönlich steckt im Erzeugen von Peinlichkeit das größte Komikpo­­tenzial. Peinliche und auch schmerzhafte Situationen sind lus­tig. Diesen klaren Gag-Humor mag ich nicht gerne, diese Comedy, die eine fröhliche Pointe hat, wo man beherzt lacht und sagt: „Was haben wir für einen schönen Abend gehabt.“ Sondern ich mag es, wenn es ab und zu auch mal wehtut. Oder nachdenklich stimmt. Ich finde, da steckt auch was Tröstendes drin. Wie bei Josef Hader zum Beispiel, dem besten Stand-up-Comedian überhaupt, wobei das wahrscheinlich eine Belei­digung in seinem Fall wäre … Das reine Lachen bei Mario-Barth-Auftritten – und ich meine das gar nicht mal wertend – ist nicht mein Ding. Wenn du dich intensiv mit Peinlichkeit auseinandersetzt und peinliche Situationen inszenierst und anderen zeigst: „Kuck mal hier, ist doch auch peinlich“, dann erzeugt man eine Selbstverständlichkeit von Peinlichkeit, und dann tut Peinlichkeit vielleicht nicht mehr so weh.

Maria,_Ihm_schmeckts_nichttip … also ein therapeutisches Ausagieren …
Ulmen … ja, aber gar nicht mal so sehr für mich, wenn ich spiele. Sondern, um dem Zuschauer zu zeigen: Kuck mal hier, die Situation für
diesen Menschen ist doch auch wahnsinnig peinlich, du teilst dein Leid.

tip Ist das eine typisch deutsche Form des Humors? Diese leicht masochistische Art, dass es immer irgendwo wehtun muss?
Ulmen Nee, glaub ich überhaupt nicht. Der deutsche Humor ist ganz klar Musikantenstadl: Tony Mar­shall verheddert sich mit dem Mi­krofonständer … Sonst wäre das ja auch erfolgreicher, was ich mache.

tip Empfinden Sie sich denn als nicht erfolgreich? Gut, Ihre Fernsehprogramme „Dr. Psycho“ und „Mein bester Freund“ liefen alle nur ein, zwei Staffeln lang (Ulmen lacht). Aber „Mein bester Freund“ ist ja jetzt ins Internet abgewandert und wird da unter „Ulmen.tv“ weitergeführt. Empfinden Sie das denn als Misserfolg?
Ulmen Nein. Also das ist nicht ein Abwandern vom Fernsehen ins Netz, sondern das ist extra fürs Netz hergestellt. Weil ich gesehen habe, dass es eine große Schnittmenge von Leuten gibt, die gerne Sachen im Netz konsumieren und die meine Sachen mögen. Auf YouTube wurde „Mein neuer Freund“ hoch- und runtergeladen. Und beim Fernsehen waren es ja auch 1,2 Mil­lionen Leute, die „Dr. Psycho“ gesehen haben, das darf man ja nicht vergessen – das sind halt aber im Senderschnitt dann nur neun oder zehn Prozent, und das ist dann für die nicht viel wert. Aber 1,2 Millionen im Netz ist schon wieder eine ganz andere Größe. Man muss nur die Dimensionen verschieben, und dann passt es wieder. Und im Netz habe ich die Möglichkeit, das komplett autark zu machen, ohne mich absprechen zu müssen mit irgendwem, ohne Kompromisse eingehen zu müssen

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