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Christian Ulmen Interview Teil 2

Maria,_Ihm_schmeckts_nichttip Was haben Sie außer den „Ulmen.tv“- Produktionen denn derzeit noch an Projekten?
Ulmen Also die ganzen Charaktere aus „Ulmen.tv“ sind jetzt weitgehend auserzählt. Außer Uwe, Uwe Wöllner. Das ist der Einzige, der immer noch überrascht. Da ist noch so viel Entwicklung drin. Er wirkt irgendwie wie ein zwölfjähriges Kind. Er ist zwar schon 31, aber vom Geiste her, da ist noch alles möglich, man hat das Gefühl, da geht noch was. Darum hatte ich großen Spaß, dieser Figur eine Biografie mit auf den Weg zu geben, um ihn besser zu verstehen und um ihm auch noch ein bisschen mehr Tiefe zu geben. Hauptziel war es aber letztlich, da­raus dann mal einen Spielfilm zu stricken: „Uwe the Film“ machen wir dann nächs­tes Jahr, und das Uwe-Buch ist jetzt sozusagen der Vorläufer dazu. Zeitgleich zum Buchstart Mitte Juli hat Uwe seinen eigenen Channel auf YouTube bekommen (lacht). Und zum Wahljahr auf Radio Fritz auch eine Sendung, da trifft Uwe auf Politiker …

tip … „Uwe Wöllner hat kein’ Bock“ läuft seit Ende Juli und ist noch bis zum 6. August um 18 Uhr auf Radio Fritz zu hören, am 9. August sendet zudem das rbb-Fernsehen um 22.45 Uhr einige Höhepunkte …
Ulmen … und unterhält sich mit ihnen über seine Politikverdrossenheit. Er hat keinen Bock, er findet das alles Quatsch mit der Politik und meint, wenn wir was verändern wollen, dann sollten wir lieber einen Konzern gründen und Öko­limonade herstellen. Und er konfrontiert Politiker mit dieser Politikverdrossenheitshaltung.

tip Was ist eigentlich Ihr Selbstverständnis? Sind Sie Filmschauspieler? Oder Fernsehmensch? Öffentliches Ärgernis?
Ulmen Ich bin zu blöd, um mir dafür eine Antwort zu überlegen.Für mich selber definiere ich das nicht. Sondern ich kriege halt ein Drehbuch, und das finde ich toll, also lass es uns machen. Ich werde dazu auch immer in Interviews aufgefordert, das, was ich mache, in Begriffen einzuordnen, aber das fällt mir wahnsinnig schwer. Ich habe sozusagen kein Berufsbild, dem ich entspräche.
tip Zieht es Sie eigentlich zurück ins Mainstream-Fernsehen? Haben Sie da Pläne?
Ulmen Mainstream? Kein Problem. Ich finde ja auch, dass „Dr. Psycho“ ganz klar eine mainstreamige Serie war. Viele sagen, das war so wahnsinnig underground und so subtil. Aber ich sage: Nee, war es nicht. Ich fand, dass es Mainstream war. Dann sind wir vielleicht im Vorhaben, Mainstream zu machen, gescheitert, wenn man das als subtiles Fernsehen auslegt. Ich mag gu­ten Mainstream wahnsinnig gerne – ich habe überhaupt keine Angst vor diesem Begriff.

tip Wie funktioniert Ihre Firma, die Ulmen Television GmbH?
Ulmen Das ist einfach ein Pool von Autoren, die auch an der Entstehung
von dem Uwe-Buch mitgewirkt haben. Ich liebe dieses Teamwork. Mit vielen Leuten Sachen zu entwickeln, das gibt mir Sicherheit, aber es macht auch Spaß. Und es ist meines Erachtens auch der Grund, warum amerikanische Serien so richtig gut sind und oftmals besser als die besten deutschen Serien. Wenn man sich die „Making-ofs“ auf den DVDs
ankuckt, da sitzen immer 20 Autoren, und jeder ist für eine Figur zuständig. Und dann tauschen die sich aus: Meine Figur würde jetzt das machen, was macht deine Figur darauf? Und, zack, entsteht was. So ist „Six Feet Under“ entstanden, mit 20 Autoren, die sich alle auf jeweils einen Charakter konzentriert haben. Das finde ich ganz fruchtbar. Und so versuche ich das bei uns auch zu machen, nach diesem amerikanischen
Vorbild, wenigstens mit den fünf Autoren, die wir da sind … (lacht).

tip Fühlen Sie sich eigentlich mitverantwortlich für die Wende hin zu immer geschmackloseren Rea­lity-Formaten bei MTV? Damals waren Sie ja
an der radikalen Vorfront dieser Dinge – jetzt ist das Alltag geworden …
Ulmen Noch nicht mal Alltag. Jetzt ist das ja fast schon egal.
Vielleicht ist das auch normal: Immer ab 30 fängt man an, über MTV zu me­ckern, weil MTV halt immer jung bleibt. MTV bleibt immer für 14- bis 29-Jährige, und irgendwann findest du es doof, weil es für dich halt nicht mehr gemacht ist. Ich glaube aber dennoch, sagen zu können, dass die jungen Leute, die ich kenne (lacht), also die Leute, die in der Zielgruppe sind, die kucken das nicht mehr, die gehen bei YouTube online und kucken Clips. Dieses Jugendkulturforum, das ist jetzt echt das Internet, das ist nicht mehr MTV.

tip Ihre Komik arbeitet ja stark mit Grenzüberschreitungen. Viele Leute fanden zum Beispiel „Mein neuer Freund“ unerträglich. Wenn Sie die Leute in Ihren Reality-Formaten so vorführen, halten viele das sogar für moralisch verwerflich. Wie gehen Sie damit um?
Ulmen Ich mag diese Moraldebatte wirklich sehr. Und ich kann niemandem, der das moralisch verwerflich findet, ein überzeugendes Gegenargument
liefern: Es ist moralisch verwerflich. Ich finde es aber nicht schlimm. Es entsteht ja kein Schaden – das passiert ja auf der Ebene von Unterhaltung, es gibt ja viel Verwerflicheres. Und in der Form, in der hier gegen Moral verstoßen wird, ist es auch fruchtbar. Wenn Leute sich pikieren und sagen: Hier, das geht aber zu weit – dann wird Moral ja auch geschärft, dann macht man die Grenzen sichtbar. Deswegen mag ich genau diese Debatte.

tip Und können Sie dann auch damit umgehen, dass man Sie nicht mag? Dass man Sie vielleicht sogar hasst?
Ulmen Wenn man mich persönlich hasst? Ja klar, damit habe ich mich früh abgefunden. Das waren ja die allerersten Erfahrungen. Ich habe ja mit 16 Jahren „Disney & Co“ moderiert, was ein Albtraum war – da haben mich alle gehasst. Das war natürlich hart. Aber dann habe ich gelernt: Du bist auch dazu da, das ist Teil deines Jobs in der Öffentlichkeit. Und ich kann das auch trennen. Die öffentliche Figur ist für mich fast schon jemand anders. Ich lasse das echt nicht an mich ran. Wenn da einer kritisiert oder sagt: „Den hasse ich“ – dann weiß ich: Er hasst diese mediale Figur und nicht mich.

Interview: Catherine Newmark
Foto: ulmen.tv/LutzWallroth

Zur Person
Christian Ulmen (33) schrieb schon als Schüler erste Radio- und Fernsehbeiträge und moderierte noch vor dem Abitur die RTL-Kindersendung „Disney & Co“. Mit 20 moderierte er für MTV Europe in London, später für MTV Deutschland. Von 2000 bis 2003 lief auf MTV seine selbst produzierte Personality-Show „Unter Ulmen“. 2003 spielte er in „Herr Lehmann“ seine erste Kino-Hauptrolle. Es folgten Rollen in Doris Dörries „Der Fischer und seine Frau“, Oskar Roehlers „Elementarteilchen“ oder „FC Venus“ mit MTV-Kollegin Nora Tschirner. Die Krimi­komödie „Dr. Psycho“ mit Ulmen in der Hauptrolle lief ab 2007 für zwei Staffeln bei PRO7 und gewann unter anderem den Grimme-Preis. Für PRO7 war er schon 2005 in der Reality-Serie „Mein neuer Freund“ unterwegs. Einige seiner
unaus­stehlichen Figuren (etwa den unbeholfenen Proll Uwe Wöllner) übernimmt Ulmen seit 2008 für sein selbst produziertes Nachfolgeformat „Ulmen.tv“. Sein neuester Film „Maria, ihm schmeckt’s Nicht!“ nach dem Erfolgsroman von Jan Weiler, kommt am 6. August in die Kinos.

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Lesen Sie hier: Filmkritik und Trailer zu Christian Ulmens neuem Film „Maria, ihm schmeckt’s nicht!“

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