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„Cinema Jenin“ im Kino

Cinema_Jenin_c_SenatorFilmVerleihDer Filmemacher Marcus Vetter, Jahrgang 1967, beschäftigt sich seit 2007 mit dem palästinensisch-israelischen Konflikt. In seinem vorigen Film „Das Herz von Jenin“ (Deutscher Filmpreis 2008) erzählte er von einem palästinensischen Vater, der zur stillen Hoffnungsfigur eines unlösbar scheinenden politischen Konflikts wird. Ein palästinensischer Junge wird bei einem israelischen Panzerangriff beim Spielen auf der Straße getötet; der Vater spendet später die Organe an israelische Kinder.
Der damalige Protagonist ist auch in Vetters neuer Dokumentation über den Israel-Palästina-Konflikt wieder eine zentrale Figur; wieder ist Jenin der Schauplatz: jene von der Außenwelt abgeriegelte palästinensische Stadt in der Westbank, die als Hochburg militanter Widerstandskämpfer berüchtigt ist. An dem gefährlichen Ort begleitet Vetter eine Kultur-Initiative, die er selbst angestoßen hat: den Wiederaufbau des verrotteten alten Kinos von Jenin, das seit der Intifada 1987 nicht mehr in Betrieb war.

Was zunächst wie das reichlich blauäugige Projekt eines Idealisten aus dem Westen anmutet, entpuppt sich rasch als brisanter Vorgang: Das Kino wird zum gesellschaftlichen Katalysator, durch den die verschiedenen innerpalästinensischen Konflikte, teils auf krasse Weise, zutage treten. Widerstand regt sich vor allem bei den Aktivisten, die keine Normalität in der von Gewalt gezeichneten Stadt wollen. Mit staunenswerter Klarheit beleuchtet der Film das komplexe emotionale Flechtwerk aus Verletzung, Angst und Trauer. Dabei kommt die Doku ganz ohne gängige erläuternde Elemente wie Experten-Analysen oder Interviews aus. Vetter verfolgt stattdessen die Auseinandersetzung „in Echtzeit“ und zeigt die mühselige Arbeit, die es braucht, um allen Seiten Gehör zu verschaffen. Das Ergebnis ist ein höchst vielschichtiges Bild an Haltungen und Denkweisen in einem scheinbar nur von Extremen geprägten Konflikt.

INTERVIEW MIT REGISSEUR MARCUS VETTEL

Text: Ulrike Rechel

Foto: Senator Film Verleih

tip-Bewertung: Sehenswert

Orte und Zeiten: „Cinema Jenin“ im Kino in Berlin

Cinema Jenin Israel/Deutschland 2012; Regie: Marcus Vetter; 100 Minuten; FSK 6

Kinostart: 28. Juni

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