Dokumentarfilm

„Citizen Animal“ im Kino

Oliver Kyr untersucht das Verhältnis von Mensch und Tier und stellt die unangenehme Frage, weshalb wir die Tiere so schlecht behandeln

Tatjana Kühr

Es gibt verschiedene Methoden, in das Denken und Fühlen von Menschen einzugreifen. Mal nennen sie sich Ratschlag, dann Werbung oder Aufklärung. Doch etwas ist ihnen gemein: der Versuch, zu Handlungen zu bewegen, die man zuvor vielleicht nicht ausgeführt hätte beziehungsweise einige bestimmte zu unterlassen. Der Film als audiovisuelles Furore, dem man sich im Kinosaal nur entziehen kann, wenn man die Augen schließt (und Finger in die Ohren steckt) oder den Saal verlässt, besitzt die Eigenschaft, besonders unvermittelt einzudringen.

Von Dokumentarfilmen, die sich klar für etwas einsetzen, gibt es seit einigen Jahren eine ganze Menge: „More than Honey“ appellierte an die Wichtigkeit von Bienenvölkern, „Free Lunch Society“ erklärte, dass ein bedingungsloses Grundeinkommen möglich wäre, und „Zen for Nothing“ ermunterte zur inneren Einkehr. Filme mit Agenda. Filme, die ganz offenkundig etwas lehren wollen. Einer, der seine Stimme für die Tiere dieser Welt erhebt, ist Oliver Kyr mit „Citizen Animal“. Darin macht sich eine Truppe von Menschen in einem Wohnmobil auf den Weg, einer einfachen Frage nachzugehen: Warum werden Tiere von Menschen so schlecht behandelt?

Kyrs Protagonisten fallen dazu mehrere Antworten ein, einige struktureller, andere philosophischer Natur. So spricht ein PETA-Vertreter davon, dass man es beim Tierschutz weniger mit Schutz- denn mit Nutzgesetzen zu tun hätte. Wem diese nutzen? In der Regel dem Menschen. Es werden Tierrettungsfarmen in Spanien besucht und ein Dorf namens Trigueros del Valle, deren Bürgermeister Tiere zu „nicht-menschlichen Nachbarn“ erklärt hat. Kyr findet Menschen, die es besser machen wollen. Und Tiere, die sprechen. Sie fragen: „Also steht Recht über Moral?“ Oder sie beklagen sich mit bebender Stimme. Ein drastischer Eingriff in die dokumentarische Praxis, der einen Konflikt verursacht: Wenn es notwendig ist, Tieren eine Stimme zu geben, damit sie vom Menschen verstanden werden, warum wirkt es dann trotzdem so falsch, sie zu uns sprechen zu hören? Carolin Weidner

Citizen Animal D 2017, R: Oliver Kyr, Start: 26.4.

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