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„Citizenfour“ im Kino

Citizenfour

Es gibt diese eine Szene in Laura Poitras‘ Dokumentarfilm „Citizenfour“. Sie spielt in dem Hongkonger Hotelzimmer, in welchem weite Strecken des Films stattfinden, und macht auf ganz eigentümliche Weise das Vakuum deutlich, das die drei Anwesenden umgibt – Laura Poitras, Glenn Greenwald und natürlich Edward Snowden, wegen dem sich diese winzige Delegation überhaupt erst versammelt hat.
Edward Snowden steht da am Fenster, -x-ter Stock, feuchtheißes Wetter draußen und ein Parkstück ganz unten. Teile der Informationen über die Aktivitäten der NSA sind da schon längst bei Greenwald und Poitras angekommen – tatsächlich hatte sich Snowden bereits im Januar 2013 unter dem Pseudonym „Citizenfour“ bei Poitras gemeldet und sie gemeinsam mit Greenwald mit der Publikation jener Aktivitäten betraut. Es ist Juni 2013, Edward Snowden rauft sich mit dem Rücken zu Poitras‘ Kamera die Haare, dreht sich dann um und bemerkt, wie es auf eine sonderliche Weise doch befreiend sei, mit einem Schlag völlig entbunden zu sein – entbunden aus jedweder langfristigen Planung.
CitizenfourDas, was vielen hin und wieder den Magen krampfen lässt, die sowohl Gegenwart als auch Zukunft als gleichförmige Fahrt auf einer Draisine in den unendlichen Horizont empfinden, ist für Edward Snowden obsolet geworden. Die Zukunft ist ungewiss, und Zukunft überhaupt bedeutet nicht mehr „nächstes Jahr“, sondern nur noch „gleich“.
„Ich denke, das ist ein sehr interessanter Moment. Er wirkte die ganze Zeit unglaublich ruhig, aber wir wussten, dass er sein Leben riskiert, um uns diese Informationen zu übergeben. Es war also durchaus besonders, mit jemandem Zeit zu verbringen, der eine derartige Entscheidung getroffen hat. Der entschieden hat, dieses persönliche Opfer zu bringen“, sagt Laura Poitras im Gespräch.
„Citizenfour“ ist ein Film über Edward Snowden. Und das ist wichtig zu bemerken, denn genauso gut könnte man behaupten, „Citizenfour“ sei ein Dokument über jenen NSA-Skandal, der im letzten Jahr die Weltöffentlichkeit erschütterte. Poitras trägt die verschiedenen Teile, die sich vor und nach der Begegnung mit Snowden ergeben, sorgfältig zusammen.
Die ersten Dialogzeilen zwischen ihr und „Citizenfour“ sind zu sehen, ebenso werden die Ereignisse nach Hongkong gezeigt, die allerdings ab hier weitgehend ohne Edward Snowden auskommen müssen (sieht man von den berühmten Aufnahmen der „Stellungnahme“ Snowdens ab, die in ihrer zigfachen Wiederholung nunmehr etwas Ikonenhaftes haben). Es ist, als sei im Hotelzimmer ein Staffelstab übergeben worden, der, insbesondere von Glenn Greenwald, nach erfolgreicher Entgegennahme unmittelbar an die nächste Ebene weitergereicht werden konnte: an die Redaktion des britischen „Guardian“ und schließlich an die Öffentlichkeit. Danach kommen andere Leute zu Wort. Whistle-blower William Binney tritt auf, ebenfalls gibt es ein paar Sätze von Julian Assange oder Jacob Appelbaum, und da ist man auf einmal auch beim „Spiegel“ in Berlin.
CitizenfourHerzstück von „Citizenfour“ aber ist das Hotelzimmer in Hongkong. Und besser hätte man sich ein Setting für einen solchen Film nicht ausdenken können. Snowden erklärt beispielsweise anhand der Zimmertelefone, dass sich in diesen Modellen Chips befänden, mit denen sich Gespräche abhören ließen. Plötzlich springt der Feueralarm an und die drei sind nicht wirklich überzeugt, dass der Alarm nicht auf irgendeine Art ihnen gelte.
Snowden skypt mit seiner Freundin Lindsay, die ihm mitteilt, die NSA-Polizei (!) würde bereits nach ihm suchen und es stünden Fahrzeuge vor dem gemeinsamen Haus auf Hawaii. „Meine Filme sind ein wirkliches Dokument, sie zeigen Geschichte in dem Moment, in dem sie tatsächlich stattfindet. Das kann emotional sehr stark sein. Und diese Emotionalität bewegt auch meine Kamera. Ich folge ihr gewissermaßen“, so Poitras.
Es gab Stimmen, die meinten, Poitras partizipiere in „Citizenfour“ zu stark – etwa, wenn sie Snowden ihr Zimmer überlässt, als immer mehr Reporter in der Leitung sind und mit ihm sprechen wollen. Poitras sieht das anders: „Ich möchte die Welt, die ich vorfinde, dokumentieren. Aber ich kann sie, wenn sie sich mir präsentiert, auch nicht ignorieren. Ich reagiere auf sie, ich antworte ihr.“

Text: Carolin Weidner

Fotos: Praxis Films

Orte und Zeiten: „Citizenfour“ im Kino in Berlin

Citizenfour, Deutschland/USA 2014; Regie: Laura Poitras; 114 Min.

Kinostart: Do 06. November 2014

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