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„Concussion“ im Kino

Concussion

Das gehobene Hausfrauendasein ist ästhetisch einwandfrei und finanziell sorgenlos, aber es kann auch zermürbend sein. Abby (Robin Weigert) lebt mit ihrer Partnerin und zwei Kindern in einer beschaulichen Vorstadtidylle in der Nähe von New York, die Umgebung ist wohlhabend und voller schlank und schön gebliebener Mütter mittleren Alters, die ihre Tage mit Yoga und Fitnesstraining verbringen, derweil die Gatten im Finanzsektor arbeiten oder als Rechtsanwälte wie Abbys Ehefrau Kate.
Dass es sich bei Abby und Kate um ein lesbisches Paar handelt, scheint keinen Unterschied zu machen, weder in der Inneneinrichtung ihres perfekten Einfamilienhauses noch in ihrer paarinternen Rollenaufteilung: Kate arbeitet zu viel und hat wenig Zeit und keine Energie für Sex, Abby ist genauso figurbewusst wie ihre heterosexuellen Freundinnen und genauso gelangweilt. Eines Tages kriegt sie einen Baseball an den Kopf geworfen und trägt eine leichte Gehirnerschütterung davon – sowie die plötzliche Klarheit, dass sie dieses Leben so nicht will.
Was folgt, ist die klassische Antwort auf solche Sinn- und Partnerschaftskrisen in der Mitte des Lebens, nämlich sexuelle Exploration: Abby begibt sich dafür in den Sektor bezahlter sexueller Dienstleistungen zunächst als Kundin, sehr bald aber selbst als gehobenes Callgirl für lesbische Kundschaft. Dass sie dabei für die coolste Zuhälterin der Welt arbeitet (eine kaum volljährige Studentin), ist nicht das Einzige, was an der Geschichte nicht sehr realistisch ist. Aber darum geht es auch nicht. Spätestens seit Buсuels „Belle de Jour“ mit Catherine Deneuve ist die nachmittägliche Prostitution von gelangweilten Hausfrauen eine handfeste Metapher für sexuelle Selbsterfahrung und das Finden von sexueller Eigenständigkeit.
Stacie Passons moderne lesbische Variante dieser alten Geschichte ist fast restlos überzeugend. Das liegt zum einen an der Hauptdarstellerin Robin Weigert, die den Film mit ihrem sehr differenzierten körperlichen Spiel trägt und das sexuelle Aufblühen von Abby geradezu physisch erfahrbar macht. Zum anderen auch an einem wirklich guten Drehbuch und Dialogen, in denen das Ungesagte oft schwerer wiegt als das, was ausgesprochen werden kann. Und schließlich an einer durchkomponierten Ästhetik, der man die Mitwirkung von Produzentin Rose Troche („Go Fish“) deutlich ansieht, einer der Pionierinnen des filmischen Genres „stylishe Lesben, die selbstbewusst Sex haben und sich um den männlichen Blick keinen Deut scheren“.
Und schließlich: ein Film, der es schafft, seine beiden auffälligsten pikanten Merkmale, nämlich Homosexualität und Prostitution, einerseits zentral zu setzen – er zeigt schließlich viel schönen Sex zwischen schönen Frauen –, andererseits aber überhaupt nicht zum eigentlichen Thema zu machen. Denn letztlich geht es um Liebe, Partnerschaft und um die Frage, wie man in einer auf Dauerhaftigkeit angelegten Beziehung noch zum Atmen kommt.

Text: Catherine Newmark

Foto: Salzgeber

tip-Bewertung: Herausragend

Orte und Zeiten: „Concussion“ im Kino in Berlin

Concussion, ?USA 2012; Regie: Stacie Passon; Darsteller: Robin Weigert (Abby), Maggie Siff (Sam Bennet), Laila Robins (Die Frau); 96 Minuten; FSK k. A.

Kinostart: 5. Dezember

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