• Kino & Stream
  • „Conny Plank – The Potential of Noise“ im Kino

Dokumentarfilm

„Conny Plank – The Potential of Noise“ im Kino

Ein lebendiges Porträt des experimentellen Musikproduzenten, in dessen Studio die Stars ein und aus gingen

Foto: Salzgeber

Sein Vater sei der Dirigent des Soundtracks seiner Kindheit gewesen, sagt Stephan Plank einmal in dem Filmporträt, das er gemeinsam mit dem Schweizer Regisseur Reto Caduff über den Toningenieur und Plattenproduzenten Conny Plank gedreht hat. Denn das Studio, das Plank sich in den 1970er-Jahren nahe Köln baute, war zugleich Wohnstatt der Familie. Insofern sah der junge Stephan die Stars der damaligen New-Wave-Szene bei sich zu Hause ein und aus gehen: Ultravox, DEVO, Eurythmics, Killing Joke, Deutsch-Amerikanische Freundschaft. Und den unvermeidlichen Ex-Roxy-Music-Keyboarder Brian Eno, der das Bindeglied darstellte zwischen den jungen, meist britischen Musikern, die sich für experimentelle elektronische Musik begeisterten, und den deutschen Bands Neu!, Kraftwerk, Harmonia und Cluster, mit denen Plank seit Beginn der 70er-Jahre gearbeitet hatte. Plank sei ein Hippie gewesen, der sich in Maschinen verliebt habe, meint der Toningenieur von The Cure, der Planks technisches Equipment übernahm, nachdem der Produzent 1987 an ­einem Krebsleiden verstorben war.

Stephan Plank war zu diesem Zeitpunkt erst dreizehn Jahre alt – und der allertollste Vater, auch das macht dieser Dokumentarfilm deutlich, war Conny Plank wohl nicht: Er war zwar immer da, hatte aber nie Zeit. Insofern nimmt man Stephan Plank ab, dass seine Arbeit an diesem Porträt auch eine Suche nach dem Vater und seinem Vermächtnis ist.

Als Journalist ist man ja immer etwas skeptisch angesichts der eventuell fehlenden Distanz zum Thema, wenn Kinder, Enkel oder enge Mitarbeiter anfangen, Filme über ihre prominenten Verwandten oder Chefs zu drehen – was momentan rasant zuzunehmen scheint. Geht es da um echtes Interesse oder lediglich um den Versuch, die Deutungshoheit über einen Künstler in der Familie zu halten und dessen Werk kommerziell zu verwerten? Ganz einfach ist das selten zu beantworten. Stephan Plank jedenfalls ist die Begeisterung anzusehen, mit der er sich auf die Anekdoten stürzt, die seine Interviewpartner erzählen und dabei ein sehr lebendiges Bild ihres Musikproduzenten zeichnen.

Die Gespräche mit Musikern wie Michael Rother (Harmonia, Neu!), Dave Stewart (Eurythmics), Robert Görl (DAF), Gerald Casale (DEVO) und Midge Ure (Ultravox) verdeutlichen immer wieder Conny Planks Interesse am Experiment und am Krach: „Jedes Geräusch hat das Potenzial, Musik zu werden.“ Vorgefertigtes zu reproduzieren, war Planks Sache nicht, das galt auch für die wenigen Male, in denen er selbst als Musiker tätig war: Ein Jahr vor seinem Tod war er mit Arno Steffen und Hans-Joachim Roedelius (Cluster) noch auf eine Tournee gegangen, die seine experimentellen Krautrock-Wurzeln betonten.
Für einen Musiker wie Michael Rother ging es in den 70er-Jahren dabei um nicht weniger als die Neuerfindung einer Rockmusik, die nicht primär von der amerikanischen Musik beeinflusst war. Diese europäische Identität der Musik war Plank wichtig: Gianna Nannini, eine hier vielleicht eher überraschende Künstlerin, die Plank ebenfalls produzierte, erzählt, dass Plank ihr überhaupt erst das Selbstvertrauen gab, Italienisch zu singen. „Er war offen für alles“, sagt Klaus Meine von den Hanoveraner Rockveteranen Scorpions. Auch die hat Conny Plank mal produziert.

Conny Plank – The Potential of Noise D 2017, 92 Min., R: Reto Caduff & Stephan Plank, Start: 28.9.

Mehr über Cookies erfahren