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„Contagion“ von Steven Soderbergh im Kino

Contagion

Soderbergh misstraut jedem Formelkino, und selbst eigene Sicherheitszonen meidet er nach Möglichkeit. Er erhebt sofort Einwände, als man „Contagion“ mit seinem großen Drogendrama „Traffic“ vergleicht, das ihm den Regie-Oscar bescherte. „Sicher gibt es ein paar Ähnlichkeiten“, sagt er, „weil man so eine breit gefächerte Story nur per Patchwork-Struktur erzählen kann. Ich habe hier auch mit Farbpaletten gespielt, wenngleich subtiler als in ‚Traffic‘. Dennoch hätten die Drehs und Ziele nicht unterschiedlicher sein können. Damals schnappten wir uns Handkameras und schossen im Guerilla-Stil, während ich für ‚Contagion‘ die stille Stärke von Robert Wise‘ ‚The Andromeda Strain‘ zum Vorbild nahm.“
Um nicht mitgerissen zu werden durch die hektische Eigendynamik einer Produktion mit einem halben Dutzend Stars und Schauplätzen, tüftelte Soderbergh einen ungewöhnlichen Drehplan aus. So waren von vornherein Pausen eingeplant zwischen der Arbeit an Locations von Hongkong bis Genf – um in Ruhe jeweils das Rohmaterial zu schneiden „und zu lernen, welche Teile noch fehlten für das riesige Puzzle“. Doch selbst als alle logistischen Komplikationen überstanden waren, fügte sich kein zufriedenstellendes Gesamtbild der Komponenten.
Contagion„Ich hatte schon über 20 Schnittfassungen von ‚Contagion‘ erstellt“, staunt Soderbergh selbst ungläubig, „wesentlich mehr als bei jedem anderen meiner Filme. Bis ich eines Tages auf die Idee kam: Was wäre, wenn es ein Gesetz gibt, nach dem ein Film nur 90 Minuten dauern darf? Dank dieser Übung fand ich endlich den Ton und Rhythmus, den ich gesucht hatte.“
Sich bloß nicht zu wiederholen und zur Befriedigung der eigenen Neugier frische intellektuelle Ansätze für das Spiel mit der Kunstform Film zu finden – diese Freiheit hat Soderbergh ausgenutzt wie kein anderer US-Regisseur. An seinem Ruf als Brainiac der Branche und ultrakühler Beobachter von Figuren hat sich dabei wenig geändert. Er hasse Manipulation und Sentimentalität, setzt er schulterzuckend entgegen, große Gefühle müsse sich auch ein Film erst verdienen. Kein Zufall, dass das emotionale Zentrum in „Contagion“ von Matt Damons Verhältnis zu seiner Tochter ausgefüllt wird. Auch Soderbergh hat ein Mädchen im Teenager-Alter und räumt ein, wie nahe ihm der Erzählstrang gegangen sei, wo er sonst meist jede Identifikation mit Figuren ausschließen kann. „Das muss ich sogar, um nüchtern ihre Wirkung beurteilen zu können.“
Matt Damon war es auch, der reichlich Verwirrung stiftete, als er Soderberghs baldige Rückzugspläne publik machte. „Ich wäre lieber still und leise in ein neues Lebenskapitel geglitten“, sagt der Regisseur, „anstatt es wie einen dramatischen Bruch mit einer Industrie aussehen zu lassen, die ich liebe und in der ich viele kostbare Freunde habe.“ Vielleicht haben ihm ja Buddys wie Fincher oder Clooney ins Gewissen geredet. Jedenfalls wurde die offizielle Sprachregelung „Ruhestand“ kürzlich umgestellt. Neuerdings ist von einer „langen Auszeit“ die Rede. Und auf das Kino-Comeback danach sind wir jetzt schon gespannt…

Text: Roland Huschke

tip-Bewertung: Sehenswert

Orte und Zeiten: „Contagion“ im Kino in Berlin

Contagion, USA 2011; Regie: Steven Soderbergh; Darsteller: Marion Cotillard (Dr. Leonora Orantes), Matt Damon (Mitch Emhoff),
Laurence Fishburne (Dr. Ellis Cheever); 105 Minuten; FSK 12

Kinostart: 20. Oktober

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