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„Contagion“ von Steven Soderbergh im Kino

Contagion

Für einen Mann, der sich bald von der Filmbranche verabschieden will, glüht Steven Soderbergh geradezu vor Kinofieber an diesem drückend heißen Nachmittag in Venedig. In drei Tagen bereits wird er wieder am Set stehen, um mit „Magic Mike“ zu beginnen – einem Werk über die Welt männlicher Stripper, konzipiert als modernes „Saturday Night Fever“, „nur mit weißen Stringtangas statt weißem Anzug“. Es folgen noch rasch die Adaption der Sixties-Serie „The Man from U.N.C.L.E.“ und als Rausschmeißer sein ewig annonciertes Liberace-Biopic, derweil der Spionagethriller „Haywire“ längst abgedreht ist. Und danach, circa Ende 2012? Feierabend.
ContagionNicht ermüdet vom Regieführen, aber „hungernd“ nach einem radikal neuen Lebenskapitel wird Soderbergh das Megafon einmotten und zum Pinsel greifen. „Ich bin noch jung genug“, erklärt er nach reiflicher Überlegung, „um in einer anderen Kunstform komplett von vorn beginnen zu können. Ohne Druck des Marktes, ohne Deadlines – und vor allem ohne meine Person verkaufen zu müssen, möchte ich die Malerei erforschen. Vielleicht bin ich grässlich, vielleicht habe ich Talent. Doch ernsthaft widmen kann ich mich diesem Interesse nur, wenn ich alles andere hinter mir lasse. Als Regisseur habe ich genug gearbeitet und mit allen Erzählformen experimentiert, die mich zu Beginn meiner Karriere reizten. Nun ist Zeit für den Ruhestand.“
Darüber wird noch zu sprechen sein, bevor Soderbergh nach einer Stunde verbalen Dauerfeuers von Betreuern förmlich aus dem Saal des venezianischen Prachtpalastes gezerrt wird. Eine Bootsregatta droht den Wasserweg zu versperren, auf dem der Star-Regisseur stilgerecht im Warner-Bros.-Speedboat zum Lido düsen muss. Die Weltpremie­re von „Contagion“ steht an –
Soderberghs fröstelnd machende Chronik einer globalen Epidemie, die jederzeit das ein oder andere Prozent der Weltbevölkerung auslöschen könnte, wie es zuletzt die Spanische Grippe von 1919 schaffte.
Contagion„Ebola schlummerte auch in einer Höhle, die nie zuvor ein Mensch betreten hatte“, weiß Soderbergh, „und historisch wurden wir regelmäßig von fatalen Plagen heimgesucht. Unserem Zeitalter gegenüber haben sich bloß zwei Dinge verändert. Durch Mobilität kann ein tödliches Virus den Planeten umrundet haben, bevor es entdeckt ist – ein Langstreckenflug genügt, denn schmutzigere Orte und bessere Brutstätten als Bordtoiletten werden Sie nicht finden. Aber: kein Anlass zu Panik oder Endzeitstimmung. Die Forschung ist inzwischen auf solch hohem Niveau, dass sie letztlich mit jedem Angreifer fertig wird, kein Zweifel. Die Frage ist nur, was zwischen Ausbruch und Eindämmung geschieht.“
Doomsday-Szenarien gibt es dutzendfach, doch um dem Publikum keinerlei Distanzierung zur fiktiven „Contagion“-Katastrophe zu lassen, erstellten der Filmemacher und Drehbuchautor Scott Burns eine schwarze Liste an Klischee-Sequenzen. „Es gibt kein Bild des Präsidenten, der sich besorgt an die Nation richtet. Keinen Zwischenschnitt nach Sydney oder Paris, wo lauter anonyme Statisten umkippen, die uns nicht berühren. Mich reizte vielmehr, ein dramatisches Ereignis auf globalem Level so persönlich wie möglich zu erzählen. Die meisten Szenen des Filmes spielen sich zwischen zwei Menschen ab, die miteinander reden – erst das Gesamtgefüge macht es universal.“

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