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Cornelia Funke spricht über „Tintenherz“

Cornelia Funke fotografier von Ulrich PerreyMächtig verblüfft sei sie, so sprudelt es zur Begrüßung aus Cornelia Funke heraus, wie ihre ersten Interviews zur „Tintenherz„-Verfilmung an diesem Herbsttag in London verlaufen. Denn: „Bisher hatte ich ja nur mit der Literaturpresse zu tun. Ich habe geglaubt, dass es bei Film-Interviews so schwachsinnig zugeht wie in ‚Notting Hill‘“. Das entwaffnende Lachen, mit dem sie ihr Missverständnis beschreibt, ist bezeichnend für Funkes Herzlichkeit. Die 49-jährige Bestsellerautorin macht keinen Moment lang schnöde Werbung für die „Tintenherz“-Adap­tion von Regisseur Iain Softley. Lieber gibt sie mit leuchtenden Augen ihrer Lust am Erzählen nach.

tip Frau Funke, Hollywood hat schon unzählige, machtlose Litera­ten mit verkorksten Kinoadaptionen in die Verzweiflung getrieben. Sie haben bei der Verfilmung von „Tintenherz“ als Produzentin mit über Ihr Werk gewacht. Wie haben Sie das angestellt?
Cornelia Funke Die erste Berührung mit Hollywood gab es schon vor Jahren mit meinem Buch „Herr der Diebe“, das großes Interesse bei US-Produzenten hervorgerufen hat. Der Stoff war seinerzeit allerdings von Warner Bros. Deutschland optioniert. Also habe ich den amerikanischen Interessenten vorgeschlagen, die Fahnen von „Tintenherz“ zu lesen. Die Reaktionen waren sehr positiv. Ich habe mich zum Beispiel mit dem „Harry Potter“-Produzenten David Heyman getroffen. Ich hätte gern mit ihm gearbeitet. Aber ich habe die Sorge gehabt, dass er mittelfristig zu tief im „Potter“-Universum ste­cken würde. Ich habe mich dann für die Warner-Tochter New Line entschieden, die mit den „Herr der Ringe“-Filmen schließlich auch ein gutes Händchen für Fantasy-Stoffe bewiesen hat.

Szene aus Tintenherztip So reibungslos lief das?
Funke Nein, ich war unglaublich naiv, aber ich hatte das Glück, an die richtigen Leute zu gelangen. Ausschlaggebend war rückbli­ckend sicher, dass ich mir sehr viel Zeit mit meiner Entscheidung gelassen habe. Es gab auch Interessenten, die richtig Druck ausgeübt und mich nachts in Hamburg aus dem Bett geklingelt haben – das hat mir gar nicht gefallen. Übrig geblieben sind die Produzenten, die begriffen haben, dass es mir in den Verhandlungen nicht um Geld geht und dass ich mich auch nicht auf eine Auktion der Filmrechte einlassen würde. Ich wollte stattdessen kreative Ideen hören, ich habe um potenzielle Besetzungslisten gebeten. Da fielen sofort Namen wie Brad Pitt oder Tom Cruise, die völlig falsch für den Film gewesen wären: Heute weiß ich, dass man eben mit solchen Namen erst mal um sich schmeißt, um Eindruck zu schinden.

tip Ihr Wunsch-Darsteller Brendan Fraser spielt nun in „Tintenherz“ tatsächlich die Hauptrolle. Woher stammt Ihre Vorliebe für Fraser?
Funke Ich stehle beim Schreiben öfter Charakteristika von Schauspielern, weil das Fremde für mich sind. Die kann ich im Gegensatz zu Freunden schamlos ausnutzen. Ich hatte Brendan in „Gods & Mons­ters“, „Die Mumie“ und „Blast From the Past“ gesehen und war von seiner Bandbreite beeindruckt. Außerdem besitzt er eine grandiose Erzählstimme, die für die Figur des Vorlesers enorm wichtig war. Beim Schreiben von „Tintenherz“ hatte ich ihn vor Augen. Nach Druck­legung der englischen Fassung habe ich dann seinem Agenten ein Exemplar mit einer Karte geschickt, auf der stand: „Danke für die Inspiration, du hast in meiner Vorstellungskraft für ein Jahr die männliche Hauptfigur gespielt. Und falls du deinen Kindern das Buch vorliest, dann sage ihnen, dass erst du die Seiten zum Atmen gebracht hast.“

Szene aus Tintenherztip War diese Huldigung gleich mit dem Filmangebot gekoppelt?
Funke (lacht) Nein, dazu hätte ich ja auch keinerlei Befugnis gehabt. Brendan und ich sind zwar danach Freunde geworden, aber als es um die Besetzung ging, konnte ich auch nur meine Wünsche äußern. Die haben sich zum Glück mit den Vorstellungen des Regisseurs überschnitten. Aber ich habe New Line unmissverständlich klar gemacht, dass ich nur für Promotion zur Verfügung stehen würde, wenn Brendan mit an Bord käme. Das habe ich ihm geschuldet.

tip Wie haben Sie die Produktion des Films wahrgenommen?
Funke Als unglaublich faszinierenden Lernprozess. Ich habe aus nächster Nähe erlebt, wie schwierig es ist und wie viel schiefgehen kann, wenn ein Team von 350 Köchen eine Suppe kochen möchte. Ich war eher Beobachterin als Produzentin, offen gestanden. Die echte Kontrolle gehört in dieser Phase in die Hände von Filmprofis. Man hat mich zwar konsultiert, wenn es um inhaltliche Abweichungen ging, aber ich war auch die Erste, die den Autoren gesagt hat, dass sie die Vorlage beim Adaptieren vergessen sollten. Eine Audio-Version des Buches würde 18 Stunden dauern, im Kino hat man nur zwei Stunden – da muss man sich über harte Einschnitte im Klaren sein.

tip Warum erfreut sich das Fantasy-Genre so ungebrochener Popularität?

Lesen Sie das vollständige Interview von Roland Huschke und zahlreiche weitere Hintergrundinfos im tip 26/08 ab Seite 28

Foto:WDR/Ulrich Perrey

Tintenherz Credits

Filmstart: Do 11.12.

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