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Cornelia Funkes „Tintenherz“ im Kino

tintenherzWeil das Publi­kum den Marketingstrategen mitunter einen Strich durch die Rechnung macht und den Goldenen Kompass links liegen lässt oder Drachenreiter Eragon die kalte Schulter zeigt. Weil selbst der vielteiligste Buchzyklus einmal ein Ende findet. Weil man nicht ewig nach Narnia oder Hogwarts reisen kann.

Wie wär’s daher mit einem Ausflug nach Ligurien mit Cornelia Funke als Reise­leiterin? Organisiert von der Filmfirma New Line Cinema, die auch schon für die Trips nach Mittelerde verantwortlich war. Ligurien ist jener italienische Landstrich, auf den die Bezeichnung wild-romantisch zutrifft und in dem, gleich um die Ecke vom malerischen Küsten­örtchen, Dörfer zu finden sind, die bereits seit dem Mittel­alter zu verfallen scheinen. Und noch ganz andere Dinge sind in Ligurien möglich: Aus Büchern herausgelesene Gestalten treiben dort ihr Unwesen, trachten nach Macht und müssen in ihre Buchdeckelgrenzen gewiesen werden. Eine schwierige Aufgabe, die dem Buchbinder Mo, seiner Tochter Meggie, deren (Groß-)Tante Elinor sowie dem Schriftsteller Fenoglio zufällt. Ein gefährliches Abenteuer, das Cornelia Funke in Tintenherz“ beschrieben hat und dessen Verfilmung unter der Regie von Iain Softley jetzt in die Kinos kommt.

tintenherzAls Koproduzentin wich Funke nicht von der Seite ihres Buches und wollte so sicherstellen, dass die Adaption, die mit der Perspektive zweier Fortsetzungen entstand, ihre Millionen Leser nicht enttäuschen würde. „Tintenherz“ ist denn auch ein feiner Film geworden, in dem das entspannte Zusammenspiel der hochkarätigen Besetzung (Brendan Fraser, Paul Bettany, Helen Mirren, Jim Broadbent) dafür sorgt, dass die Geschichte der Charaktere gegen­über dem Effekt immer die Oberhand behält. Freilich hat sich die Struktur der Erzählung verändert, manches ist neu und anders, aber nichts ist unpassend.

tintenherzGeradezu als Vorteil erweist sich der Wechsel auf die Leinwand für den aus der Buchwelt in die Wirklichkeit entfleuchten Capricorn (Andy Serkis) und seine Schergen. Der triumphierende Stolz in der Stimme des Oberbösewichts, als er seine Rückkehr in die geschriebene Welt ausschließt, schließlich besitze er jetzt „ein Schloss!“, verdeutlicht das anarchische Potenzial, das mit seinem Erscheinen und dem seiner Finsterlinge Einzug gehalten hat. Naivität, Willensstärke und Leidenschaft ergeben an sich schon eine brisante Mischung, verkörpert in frei herumlaufenden literarischen Gestalten aber sind sie Garanten des Chaos. Plötzlich kann alles passieren. Umso mehr, als sich herausstellt, dass alles, was geschrieben steht, auch wieder umgeschrieben werden kann. Es braucht nur die geeignete Stimme, um die neuen Worte zum Leben zu erwecken. Der Kampf um die Deutungshoheit über die Wirklichkeit ist eröffnet.


Text:
Alexandra Seitz

Sehenswert


Tintenherz
USA/GB/D 2008, Regie: Iain Softley; Darsteller: Brendan Fraser (Mo), Eliza Bennett (Meggie), Paul Bet­tany (Staubfinger), Helen Mirren (Elinor), Jim Broadbent (Fenoglio); Farbe, 106 Minuten, Kinostart: 11. Dezember 2008

Interview mit Cornelia Funke

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