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„Dame, König, As, Spion“ im Kino

Dame, König, As, Spion

Dass die sich 1960er- und 70er-Jahre zur Blütezeit der Spionageromane und Agentenfilme entwickeln konnten, verdankten sie einem Deutschen: Als Walter Ulbricht die Mauer errichten ließ, bekam die längst bestehende Aufteilung Europas in einen kommunistischen Osten und einen demokratisch-kapitalistischen Westen ihr handfestes Symbol für einen nunmehr betonierten Gegensatz – und für eine Undurchlässigkeit, die nur noch von Menschen mit falschen Identitäten auf illegalen Schleichwegen umgangen werden konnte. James Bond stand dabei für den Typus des ausgesprochenen Fantasie-Agenten: lässig im Smoking, Pistole in der einen Hand, das Martiniglas in der anderen, heute im Geheimdienst Ihrer Majestät in die Schweiz gejettet, morgen auf die Bahamas, Liebesgrüße aus Moskau inklusive.
Das Gegenmodell erfand der Schriftsteller John le Carrй mit George Smiley, der 1961 in dem Roman „Schatten von gestern“ seinen ersten Auftritt bekam: ein ältlicher, korpulenter Mann mit dicker Brille, der seine Außeneinsätze als Agent des britischen Geheimdiensts längst hinter sich hat. Alles, was ihn noch zu erwarten scheint, ist ein ruhiger Schreibtischposten. Doch in den verschiedenen Geschichten, in die le Carrй Smiley im Laufe kommender Jahre verwickeln sollte, wird schnell die unerbittliche Präzision deutlich, mit der dieser unscheinbare Mann allen Hinweisen auf die Machenschaften des sowjetischen Geheimdienstchefs Karla nachgeht: ein Duell, das – bei allen ­verschlungenen Nebenwegen – den zentralen Punkt der Handlung in den Romanen „Dame, König, As, Spion“ (1974) und „Agent in eigener Sache“ (1979) ausmacht. Es war Alec Guinness, der Smiley in den legendären BBC-Fernsehverfilmungen dieser beiden Romane verkörperte und dem Agenten für die breite Öffentlichkeit ein, oder besser: das Gesicht verlieh.
Dame, König, As, SpionEine Hypothek, gegen die nun Gary Oldman in der Neuverfilmung von „Dame, König, As, Spion“ durch den schwedischen Regisseur Tomas Alfredson („So finster die Nacht“) anspielen muss.
Es gelingt ihm mit Bravour. Entsprechend einer Regiekonzeption, die darauf abzielt, den Geheimdienst als eine scheinbar leidenschaftslose und langweilige Welt von grauen Männern in grauen Anzügen zu zeichnen, spielt Oldman Smiley noch den besonderen Tick zurückgenommener: Die Miene wie versteinert, scheint er sich wie in Trance durch die verwinkelten Bürogebäude zu bewegen; er sitzt stocksteif und kerzengerade, seinen Mantel zieht er dabei kaum einmal aus. Doch wie bei den anderen unerschütterlichen Bürohengsten und politischen Karrieristen in der Chefetage, von denen einer jener Doppelagent sein muss, nach dem – der zuvor gerade hinausgeworfene – Smiley nun im Regierungsauftrag sucht, gibt es auch bei ihm die mehr oder minder verborgenen Leidenschaften unter der unbewegten Schale: seine ihm stets untreue Frau Ann vor allem und natürlich Karla, den großen Gegenspieler.
Dame, König, As, SpionAlfredson verdeutlicht in seinem Film, wie sehr in dieser oberflächlich so grauen Welt trotz allem Liebe und sexuelles Begehren, Ambitionen und Loyalität seinen Protagonisten als Triebfeder für ihre Handlungen dienen – und sie auch angreifbar machen: Der Gegner weiß jede vermeintliche Schwäche eiskalt für sich auszunützen. Eigentlich können sich die Agenten nur ritualisierte Ausbrüche leisten: In den – dem Roman hinzuerfundenen – Szenen einer Weihnachtsfeier schmettert der ganze britische Geheimdienst am Ende völlig besoffen die sowjetische Nationalhymne, derweil Alfredson vermittels Schärfentiefeverlagerung und einer genialen Raumorganisation wiederum die Blicke und Begehrlichkeiten seiner Figuren so sprechend in Szene setzt, dass sich das ganze Drama schon allein darin erklärt.
So stellt sich der Film trotz der durchaus spannenden Suche nach dem sogenannten Maulwurf auch nicht wirklich als ein Who dunit dar: Selbst wenn man den Roman gelesen, die Fernsehserie gesehen oder ­Alfredsons Film vielleicht gerade zum dritten Mal angeschaut hat, wird man an der intelligenten Regie und den vorzüglichen Schauspielern der hochkarätigen Besetzung von „Dame, König, As, Spion“ (neben ­Oldman unter anderem John Hurt und Colin Firth) Vergnügen haben. Immer wieder.

Text: Lars Penning

Fotos: Studiocanal

tip-Bewertung: Herausragend

Orte und Zeiten: „Dame, König, As, Spion“ im Kino in Berlin

Dame, König, As, Spion (Tinker, Tailor, Soldier, Spy), Großbritannien/Frankreich/Deutschland 2011; Regie: Tomas Alfredson; Darsteller: Gary ­Oldman (George Smiley), Colin Firth (Bill ­Haydon), Tom Hardy (Ricki Tarr); 127 Minuten; FSK 12

Kinostart: 2. Februar

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