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Daniel Brühl über seinen neuen Film „Inside WikiLeaks“

Inside_Wikileaks_Die_fuenfte_Gewalt_13_c_2013ConstantinFilmVerleihGmbHHerr Brühl, Sie sind wenige Wochen nach dem Start von „Rush“ schon wieder in einem hochkarätigen englischsprachigen Projekt zu sehen. Ein Zufall?
Nur bedingt. Wie ich erfahren habe, hat „Rush“-Regisseur Ron Howard elegant ein gutes Wort für mich eingelegt. Für diese Loyalität, die über seinen eigenen Film hinausgeht, bin ich ihm unendlich dankbar. Ich hätte selbst nicht gedacht, dass das Ganze so eine Dynamik entwickelt.

Mit WikiLeaks-Mitbegründer Daniel Domscheit-Berg spielen Sie wieder eine reale Person. War der Prozess der Anverwandlung ähnlich?
Die Herausforderung war schon anders. Das beginnt bei den Personen an sich. Daniel ist ein ganz anderer Charakter als Niki Lauda, der auch sehr undiplomatisch sein kann. In diesem Fall war aber vor allem das Thema wahnsinnig komplex. Es gibt so viele Bücher, Versionen und Sichtweisen, dass es schwierig ist, die Wahrheit zu WikiLeaks herauszufinden. Gleichzeitig habe ich gegenüber diesem Thema ein hohes Verantwortungsgefühl. Was mir dann geholfen hat, war, dass Daniel selbst Kontakt gesucht hat und wir uns auch getrof­fen haben. Ich habe seine Position vollkommen nachvollziehen können, sodass ich ihn auch verteidigen wollte.

Was Ihnen vermutlich schwerer gefallen wäre, wenn Sie Julian Assange gespielt hätten?

Vermutlich. Das ist eine wesentlich ambivalentere Figur. Benedict Cumberbatch hatte da sicher den schwierigeren Weg.

Wie sehr war die WikiLeaks-Thematik vor diesem Film für Sie präsent?
Ich hatte mich schon immer dafür interessiert und war mir gleich sicher, dass darüber ein Film gemacht wird. Das ist eine der wichtigsten Organisationen, die in den letzten Jahren entstanden sind; sie hat eine regelrechte Revolution ausgelöst. Wobei ich mich mit den technischen Aspekten überhaupt nicht auskannte, da bin ich sehr altmodisch. Mein Bruder ist IT-Programmierer, und der lachte, als ich meinte, ich würde jetzt diesen Film drehen. Ich habe ihn dann gebeten, mir einen Crashkurs zu geben, bevor ich Daniel getroffen habe, denn es war mir sehr unange­nehm, bestimmte Dinge nicht zu verstehen.

Haben Sie Ihren Umgang mit dem Internet seither geändert?
In der Tat. Jahrelang war ich sehr naiv mit simplen Passwörtern im Netz unterwegs. Das habe ich im Zuge des Films geändert, bei dem ich Kontakt mit Hackern hatte, die uns das erklärt haben. Auch beim Internetbanking achte ich jetzt noch mehr auf Sicherheit.

Inside_Wikileaks_Die_fuenfte_Gewalt_05_c_2013ConstantinFilmVerleihGmbHSie benutzen also ab sofort wilde Zahlen- Buchstabenkombinationen …
Genau. Die ich mir wahrscheinlich später nicht mehr merken kann und dann selbst nicht reinkomme.

Wie ist generell Ihre Einstellung zum Internet?
Es ist natürlich als Informationsquelle großartig; für Rollenrecherchen nutze ich es intensiv. Auf der anderen Seite gibt es Dinge, die mir Angst machen. Das fängt mit Fehlern bei Wikipedia-Einträgen an. Bei mir ist ein falscher Geburtsort genannt; mein kompletter Name, der einmal in einem Interview falsch angegeben wurde, bleibt für immer so stehen. Ich habe mir auch angewöhnt, nie irgendwelche Kommentare zu Interviews oder Arti­keln zu mir zu lesen. Die Statements, zu denen sich Leute berufen fühlen – das ist Wahnsinn. Ich habe mir einmal so etwas angeschaut, und nie wieder. Zum Glück hatte ich bisher noch nicht mit irgendwelchen Shitstorms zu tun.

Aber Sie sind auch bei Facebook – davor haben Sie keine Scheu?
Ich habe mir praktisch gezwungenermaßen einen Account eingerichtet. Denn dort gab es einige, die sich für mich ausgeben – mit meinem Foto. Es ist schon sehr merkwürdig, was da in punkco Privatheit so läuft. Das ging so weit, dass Leute, die mich kennen,  persön­liche Informationen an diese falschen Daniel Brühls geschickt haben. Ich musste allen mitteilen, dass sie sich nur noch an den fünften Daniel in der Liste wenden. Man kann da ja auch bei Facebook niemanden anrufen. Ich habe die dann angemailt, und man versprach mir, diese Namen in Verbindung mit meinem Foto zu entfernen. Aber jetzt gibt es wieder neue Fälle. Da muss ich ständig hinterher sein, was ganz schön anstrengend ist. Mein Bekanntenkreis nutzt Facebook zwar nicht mehr für private Nachrichten, aber gruselig ist das trotzdem.

Gruselig ist auch die Überwachung des Mailverkehrs durch die NSA. Überlegen Sie sich, Ihre Nachrichten zu verschlüsseln?
Das kommt drauf an, was man an Nachrichten versendet. Aber wenn es im Zusammenhang von „Inside WikiLeaks“ passiert – beispielsweise, wenn ich mit Daniel oder jemand mailen sollte, der an dem Film interessiert ist, dann würde ich das tun.

Weiterlesen: Die tip-Filmfilmkritik zu „Inside WikiLeaks“

Sie klingen durchaus politisch bewegt. Wie sehr engagieren Sie sich in dieser Hinsicht?
Das Wichtigste ist, dass man sich in der Masse von Informationen ein klares Bild verschafft. Ich habe ein politisches Bewusstsein, bin aber in keiner Partei und engagiere mich auch nicht für eine. Aber ich versuche von den Parteien, die für mich infrage kommen, die Programme einigermaßen zu kennen. Eine, die 100 Prozent auf mich zugeschnitten ist, gibt es nicht, aber es ist trotzdem wichtig, dass man wählen geht. Ansonsten gibt es immer Aktionen im sozialen Bereich, für die ich einstehe, oder Organisationen, die ich dauerhaft unterstütze. Wobei ich zugeben muss, dass meine Eltern noch stärker engagiert waren als ich; die gingen noch auf viele Demonstrationen. Phasenweise hatte ich schon das Gefühl, ich gehöre zu einer Generation X, die nichts macht, weil sie nicht weiß wie. Da fand ich den Ansatz von WikiLeaks genial, mit dem Instrument der Mächti­gen die Missstände aufzudecken, von denen wir wissen sollten. Und ich unterstütze das, was Daniel mit seinem OpenLeaks betreiben will.

Die Reaktionen in den USA auf Ihre Leistungen in „Rush“ und „Inside WikiLeaks“ sind überschwänglich. So gesehen dürften Sie mit Angeboten überschüttet werden.
In der Tat gibt es verschiedene Anfragen für englischsprachige Projekte. Als Nächstes stehe ich für Michael Winterbottoms „The Face of an Angel“ vor der Kamera, der sich mit dem Amanda-Knox-Prozess beschäftigt. Aber ich habe keine Ambition, nach Los Angeles zu ziehen. Ich habe meine Wohnsitze in Berlin und Barcelona, und hier bin ich sehr glücklich.

Interview: Rüdiger Sturm

Foto: 2013 Constantin Film Verleih GmbH

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