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Danny Boyle über seinen neuen Film „Trance“

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Olympischer Gedanke, schön und gut – doch als Danny Boyle 2011 als kreativer Direktor der Eröffnungszeremonie irgendwann im tausendsten Meeting hockte, musste ein Fluchtplan her. „Man bekommt Fantasien, wie man die anderen umbringen könnte“, sagt er, „so hirnlähmend und langwierig geht es in Besprechungen für so ein Event zu. Die Bürokratie ist gewaltig, ich hätte nie zwei Jahre durchgehalten. Also planten wir als Therapie einen Film zwischendurch. Donnerstage und Freitage waren für Olympia reserviert, an vier anderen Tagen in der Woche drehten wir ums Eck im Londoner East End. Es war fantastisch, Energie und dunkle Gedanken rauszulassen. ‚Trance‘ ist daher so was wie der verrückte, gefährliche Cousin meiner Arbeit für die Eröffnungsfeier.“
Im Frühling 2013 muss Danny Boyle noch immer extrabreit grinsen in Gedanken an logistische Husarenstreiche. Den psychologischen Thriller „Trance“ erst im bewährten Guerilla-Style zu drehen, das Rohmaterial ein Jahr unberührt zu lassen und schließlich nach Olympia frischen Auges in die Postproduktion zu gehen – „das hätte ich nie für möglich gehalten, dass so etwas geht, weil Finanziers üblicherweise auf sofortige Fertigstellung drängen, um ihr Kapital nicht verstauben zu lassen.“ Doch Boyle liebt das Lösen von Problemen, den schieren Thrill, „etwas zu versuchen, was noch keinem eingefallen ist.“ Wozu, ganz nebenbei, dann auch die Verwandlung Ihrer Majestät in ein fallschirmspringendes Bondgirl zählte.
„Queen Elizabeth war sehr professionell, zwei Takes, sie ist Kameras gewohnt und wollte nur sicherstellen, dass ihr Personal Autogramme von Daniel Craig bekommt“, sagt Boyle. Eine zweite Einladung in den Buckingham Palast indes schlug der Ex-Punk aus der Arbeiterstadt Manchester aus. „Es wäre völlig falsch gewesen, die Ehrung einer Ritterschaft anzunehmen, denn Olympia war das Werk von Tausenden – und so sehr mich unser Erfolg freute, so wenig möchte ich daraus einen Persönlichkeitskult stricken.“
Dreharbeiten zu Wenn es dafür nicht schon zu spät ist. Erstmals in seiner Laufbahn ziert Boyle die Titel britischer Medien in diesen Tagen und kann keine zehn Meter durch London laufen, ohne dass ihm einer anerkennend auf die Schulter klopft. Mit der Olympiade ist er endgültig ein Popstar geworden. Ein Held des Landes, dem er neues Selbstbewusstsein geschenkt hat und das er an seine coole Kultur erinnerte, als er alles Britische in einem Eröffnungsfeuerwerk von Filmformat feierte. Es war, als hätten sich seine Landsleute anderthalb Jahrzehnte nach „Trainspotting“ daran erinnert, einen der besten Geschichtenerzähler der Welt auf ihrer Seite zu wissen. Boyle war nie ein dezidiert britischer Regisseur, der den Puls der Gesellschaft fühlt wie die Institutionen Ken Loach und Mike Leigh, sondern ein Reisender, der wenig anzufangen wusste mit Nabelschauen.
Lieber zog er los auf Expeditionen nach Indien („Slumdog Millionaire“), Asien („The Beach“) oder gleich ins Weltall („Sunshine“). London tauchte als Location nur einmal als Ort der Verwüstung in „28 Days Later“ auf. „Es gab viele Angebote im Lauf der Jahre, nach Hollywood zu gehen“, erklärt Boyle, „doch ich erwog nie, meinen natürlichen Lebensraum zu verlassen. Auch die Industrie war immer gut zu mir, doch vielleicht vermied ich lokale Stoffe, weil ich befürchtete, mich zu beschränken. Nach ‚Trainspotting‘ hätte ich zwanzig Projekte über wilde, junge Männer in Pubs drehen können, doch schon damals fühlte sich die Perspektive viel zu sicher und monoton an.“ Auch „Trance“ sollte lange Zeit in New York gedreht werden, bevor Boyle durch Olympia an London gefesselt wurde – und die Stadt nun so neugierig mit der Handkamera entdeckt, „als ob ich sie zum ersten Mal sehe“.
Dreharbeiten zu Der Film beginnt spektakulär mit dem Raub eines Gemäldes, initiiert offenbar durch den Erzähler Simon (James McAvoy), Angestellter eines Auktionshauses, der dummerweise sein Gedächtnis verliert, als ihn ein Komplize (Vincent Cassel) niederschlägt. Um in Simons Unterbewusstsein zu dringen und das versteckte Millionenbild zu finden, zwingen ihn die Gauner zu Hypnose-Sessions bei der Therapeutin Elizabeth (Rosario Dawson), die ihrerseits bald zur Jägerin der Millionenbeute wird. „Die heimliche Botschaft des Filmes geißelt Gewalt gegen Frauen“, lässt sich Boyle schließlich zu Analysen hinreißen, auch wenn ihm eine Schweigepflicht in Sachen Story lieber wäre. Man denkt an „Inception“, „Eternal Sunshine of the Spotless Mind“ oder „Memento“, wenn „Trance“ nach dem ersten Akt unmerklich in eine Reihe von Erzählebenen gleitet, mal Rätsel mit Rückblenden löst und dann wieder mit fiebrigen Fantasien foppt. „Der Kunstraub ist nur ein McGuffin, um das Publikum in unser Labyrinth zu locken“, so Boyle, „doch vor allem ist ‚Trance‘ meine Verbeugung vor Regisseur Nicolas Roeg, der Psychologie und menschliches Bewusstsein durch non-lineares Erzählen zu vermessen wusste wie kein Zweiter.“
Die Inspiration durch Roeg führt Boyle zurück zu seinen Anfängen mit „Kleine Morde unter Freunden“ – auch ein Vexierspiel, auch eine Dreiecksgeschichte und in pechschwarzen Humor getunkt wie nun „Trance“. Einer anderen Ikone des britischen Kinos gedenkt sich Boyle freilich keinesfalls zu nähern – jede lockende Offerte, einen 007-Film zu inszenieren, scheitert an seiner Aversion gegen Großproduktionen. Dafür wird Boyle als nächstes die erste Fortsetzung seiner Laufbahn drehen und den UK-Wurzeln vorerst weiter treu bleiben. „Ich habe oft davon gesprochen, aber diesmal ist es kein Teasing mehr, sondern konkrete Ambition: 20 Jahre nach ‚Trainspotting‘ ist es an der Zeit, nun auch Irvine Welshs ‚Porno‘ zu adaptieren. Mit denselben Schauspielern, aber mit ganz anderen Stilmitteln – ich bin selbst gespannt, in welchem Zustand wir die Figuren wiedertreffen werden.“

Text: Roland Huschke

Fotos: 2013 Twentieth Century Fox

Lesen Sie hier die Filmkritik: „Trance“ im Kino in Berlin

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