Kino & Stream

The Dark Knight

The Dark Knight

Vielleicht hätte man ahnen sollen, dass es auch Widerstände beim Versuch geben könnte, ins Epizentrum eines Popkulturphänomens wie „The Dark Knight“ vorzustoßen. Aber gleich ein Tornado? Alle Maschinen, die in die notorische Wildwetterzone Chicago fliegen, sind gestrichen an diesem Augusttag 2007. Die einzige Chance, die Dreharbeiten von Christopher Nolans zweitem Batman-Film zu besuchen, droht wegen eines gesperrten Flughafens zu platzen. Dann eine Notlösung, ein Nachtflug mit ungewissem Ziel. Unterwegs entspannt sich der Himmel über Illinois ein wenig, doch als wir vor der Landung über dunklen Wolkengebirgen kreisen, wirkt die bedrohliche Symbolik der Situation zum Greifen nahe. Dort unten, das ist ja in „The Dark Knight“ nicht Chicago, sondern Gotham City.

The Dark Knight
Mythischer Moloch, Hauptquartier von Bruce Wayne Enterprises, Jagdrevier des Batman. Wie ernst Nolan die Verbindung von Figuren und Topografie nimmt, zeigt der Drehplan. Kein einziger Bühnentag zu finden, „The Dark Knight“ entsteht komplett vor Ort, on location. Das verringert die Planungssicherheit und erhöht die Kosten. Aber wenn sich herausstellt, dass man für die erdbeben­gleiche Sprengung eines Krankenhauses im Film ein ohnehin abrissreifes Gebäude der Stadt nutzen kann, nimmt die Produktion logistische Risiken gern in Kauf.

The Dark Knight
Ungesprengt schafft es derweil der Flieger zum überfüllten Terminal. Zwei Stunden Schlaf. Und dann Tee mit einem der munters­ten Wachmacher der Welt: Sir Michael Caine. Er ist bester Laune, hat sein Werk hier erledigt, im Laufe des Tages wird er ins heimische England reisen. Aber vorher muss er noch etwas loswerden. Regisseur Nolan und Co-Star Christian Bale, mit denen er jetzt zum dritten Mal gedreht hat, seien ein wunderbares Team, na klar. Doch wirklich den Atem geraubt, wie nur wenige Male in seiner Karriere, haben Caine die Arbeit und Persönlichkeit Heath Ledgers. Der Film müsse nicht „The Dark Knight“ heißen, sondern nach dessen Figur des Joker betitelt sein, sagt er. Er klingt verschwörerisch. Mal abwarten, denkt man. Nicht ahnend, wie oft einem Caines Worte noch Monate später durch den Kopf gehen sollen. Am Set wird man dann selbst von Sprachlosigkeit überwältigt. Hollywood, Baby. Wo 180 Millionen Dollar drauf steht, da ist auch das Sperren von vier kompletten Down­town-Häuserblocks drin. Gedreht wird mit Hunderten Statisten in Cop-Uniformen.

The Dark Knight
Bei der Rede eines Würdenträgers werden sie unter Scharfschützenfeuer geraten. Bale ist ohne Bat-Kostüm im Einsatz, Aaron Eckhart schaufelt sich den Weg durch die panische Menge, in der Ferne meint man Gary Oldman zu sehen. Angeblich wird ein Attentat auf eine zentrale Filmfigur inszeniert (stimmt), aber die Sache hat ein paar Story-haken (oh ja). In Drehpausen gilt es, große und kleine Details der Produktion zu bestaunen. Obwohl sie nicht mal in die Nähe einer Nahaufnahme kommen werden, tragen selbstverständlich alle Polizeifahrzeuge Gotham-Nummernschilder. Eine kleine Ausstellung für die Presse zeigt Kostüme vom modifizierten Batsuit mit beweglichem Halsgelenk und ohne Gumminippel bis zu den lila Lederhandschuhen des Joker, für 200 Pfund Sterling das Paar in London erstanden. Anderswo steht das neueste Vehikel aus Batmans Fuhrpark: Zeremoniell wird das Tuch abgedeckt für einen Blick auf den „Bat-Pod“, eine Art Humvee-Motorrad, nur im Liegen zu fahren und Wochen später in England Grund für den tödlichen Unfall eines Stuntman.

The Dark Knight
Und dann trifft man Heath Ledger. Er ist ebenfalls durch die Nacht geflogen. Eigentlich hat er frei heute. Doch er nutzt die seltene Gelegenheit für Interviews. Stolz und mit einem großen Wartet-es-nur-ab-Grinsen spricht er über seine Arbeit. Es quält ihn sichtlich, dass er vorerst nur Andeutungen machen darf wie: „I’m trying to do an X-rated part in a PG-rated movie.“ Übersetzt: Er lässt in einem durchaus als Familienfilm konzipierten Projekt alle Hardcore-­Hemmungen fallen. Wochen später wird sich die seit Jahren innovativste Marketing-Kampagne mit rätselhaften Guerilla-Postern und -Clips auf den Joker konzentrieren. Auf eine Figur, an der künftig nicht nur Batman-Bösewichte, sondern alle Film-Psychopathen gemessen werden dürften. Hochintelligent und manipulativ, verführerisch und ohne jede Gnade ist dieser inoffizielle Hauptdarsteller von „The Dark Knight“. In einer Liga eigentlich nur mir Dr. Lecter und ganz sicher weit über Jack Nicholsons schlecht gealtertem 89er-Joker. Obwohl sich Ledger neben Brando und Daniel Day-Lewis auch von Jack inspirieren lässt – siehe „Shining“, letzter Akt.

The Dark Knight
Von Christian Bale ist kindliche Vorfreude nur gedämpft zu erwar­ten. Der gebürtige Waliser, der sich unter dem Radar der Öffentlichkeit mit „Der Maschinist“ oder Werner Herzogs „Rescue Dawn“ zum Spezialisten für Extremrollen entwickelte, gibt sich auch abseits der Kamera gern als coole Sau und erzählt mit maliziösem Bruce-Wayne-Lächeln, wie er neulich für eine Szene an der Dachkante des Sears Towers gestanden habe. Und der sieht schon von unten schwindelerregend aus. Diese verschwörerische und kalkulierte Kamikaze-Haltung strahlt hier jeder am Set aus. Sie können noch nicht ahnen, dass sie gerade am zweit-erfolgreichs­ten Film aller Zeiten arbeiten. Aber dass „The Dark Knight“ nicht der übliche Sommernonsens wird und gar den Vorgänger „Batman Begins“ in jeder Hinsicht verblassen lassen wird, diese Überzeugung sitzt kollektiv. Vor allem bei einem smarten, pausbäckigen Engländer, den man in Chicago nie ohne eine Tasse Tee in der Hand sieht.

The Dark Knight
Wenn Christopher Nolan erzählt, dass er mit seinem größten und teuersten Film auch zu den Anfängen mit „Memento“ zurück­kehrt, klingt das zunächst nach einer Phrase für die Independent-Credibility. Doch Nolan meint es todernst und hat im Vorfeld alles Nötige für kreative Autonomie getan. Anders als bei „Batman Begins“, als der Plot von „Blade“-Autor David Goyer kam, stammt „The Dark Knight“ aus der Feder Nolans und seines Bruders. Die Verlegung des Drehs in die Straßen Chicagos und die Reduzierung computergenerierter Effekte sind weitere Belege für die stilistische Strenge Nolans, der jeder
Szene selbst vorsteht und keine Second-Unit-Teams beschäftigt, was bei Filmen dieser Größenordnung nicht gerade üblich ist. Die Gelassenheit, mit der er in Pausen mit seiner rechten Hand Christian Bale konferiert, während ringsum reinstes Chaos herrscht, lässt vergessen, welch enorme Verantwortung die zwei Mittdreißiger tragen. Sie schultern den Druck klaglos. Für die beiden geht es nicht um klingelnde Kassen und Rekorde. „The Dark Knight“ ist eine persönliche Angelegenheit.

The Dark Knight
Gäbe es nicht irrwitzige Szenen, in denen Batman mal eben von einem Wolkenkratzer in Hongkong in das Fenster eines ge­genüber liegenden Gebäudes segelt oder den Bat-Pod parkt, indem er frontal gegen eine Wand fährt – man könnte meinen, es handele sich bei „The Dark Knight“ um ein Gangstermelodram а la „Heat“ aus der Michael-Mann-Schule. Ein Banküberfall gibt mit pochendem Score und nervöser Energie den Ton vor, schockierend pragmatisch werden Todesbefehle exekutiert, dieser Joker arbeitet mit Maschinengewehren, Handgranaten und Messern statt irgendwelcher Comic-Bomben. Ein Schatten paranoider Bedrohung und fatalistischer Vorahnung hängt vom ersten Bild an über diesem Film, wenn hoch über den Straßenschluchten ein Hochhausfenster explodiert.

The Dark Knight
Ganz bewusst werden im Film immer wieder gespenstische Erinnerungen an 9/11 evoziert, wenn Löschzüge brennen, terror­is­tische Bekennervideos fla­ckern oder Verkehrsmittel sich in bewegliche Sprengsätze verwandeln. In den USA hat bereits eine Politisierung und Zeitgeist-Einordnung von „The Dark Knight“ begonnen, wo der vermeintliche Vigilant Batman je nach ideologischer Ausrichtung des Kommentatoren als Dick Cheney im Latex-Outfit oder als Symbol des außerparlamentarischen Protestes gegen die Bush-Reaktionäre interpretiert wird. Diese Diskussion ist nahe liegend bei einem Film, dessen Poster ein Hochhaus zeigt, in dem einige Etagen durch ein lichterloh brennendes Bat-Logo ersetzt sind, obwohl so eine Sequenz nie zu sehen ist. Doch sie lenkt auch vom Wesentlichen ab, denn für die nachtschwarzen Gemüter der zentralen Figuren braucht es keine äußeren Einflüsse mehr.

The Dark Knight
Man wusste bislang nicht so recht, was man halten sollte von der Reaktivierung dieses Franchise-Unternehmens. Wohl wahr, Nolan hatte Batman aus den Niederungen des Joel-Schumacher-Trash befreit („Batman Forever“, „Batman & Robin“) und ihm eine schlüssige Ursprungsgeschichte gegeben. Doch alles in allem bewegte sich „Batman Begins“ im Rahmen von Genre-Konventionen und war trotz verbissener Zähne nur eine Vanille-Version der einflussreichen Comics von Frank Miller. Am Ende war Bruce Wayne ein schwer angeschlagener Charakter. Vollwaise, betrogen von seiner Vaterfigur, zurückgewiesen von seiner großen Liebe und auf dem Weg, sich eines eingesperrten Kriminellen anzunehmen, der ebenfalls „einen Hang zum Theatralischen“ habe.

The Dark Knight
Die Aussicht auf die Rückkehr des Jokers nährte danach die Hoffnung auf eine weniger konventionelle Fortsetzung. Doch das genügte Nolan nicht. Also erfand er einen erzählerischen Rahmen, der zuweilen komplizierter wirkt als nötig, aber jede Figur des „The Dark Knight“-Universums an den Rand der Katastrophe führt. Bruce Waynes Jugendliebe (Maggie Gyllenhaal für Katie Holmes) schwankt zwischen zwei Männern und wird zur Zielscheibe für deren Feinde. Polizeichef Gordon (Gary Oldman) wird als letzter Moralist Gothams durch seine eigenen Leute bestraft, die sich an die Unterwelt verkauft haben. Und dass es mit dem strahlenden Staatsanwalt Harvey Dent (Aaron Eck­hart) ein grässliches Ende nehmen wird, ist durch die Comics vorgegeben, auch wenn sich Nolan bei der schrittweisen Häutung Dents weit von der Mythologie entfernt.


Und Batman? So schmerzlos und mit Ninja-Schmackes sich der Fetisch-Flattermann auch seinen Kämpfen stellt – als Bruce Wayne ist er seelisch und körperlich lädiert, ein verbitterter Veteran bereits unter der zivilen Maske des Playboys, dem russische Ballerinas oder Lamborghinis nur zur Tarnung dienen. Dass ihn Nolan in dieser Verfassung auf den Joker treffen lässt, macht die elektrisierende Spannung von „The Dark Knight“ aus. „Dies hier passiert, wenn ein unbewegliches Objekt auf eine Kraft stößt, die nicht zu stoppen ist – wir sind verurteilt, bis in alle Ewigkeit weiterzumachen“, sagt der Joker einmal. Und stößt auf keinerlei Widerrede, weil auch Batman hilflos ist gegen einen Angreifer, der nichts fürchtet und amüsiert den totalen Nihilis­mus lebt, fördert, predigt.

The Dark Knight
Kein unruhig rutschender Zuschauer, den er dabei nicht ebenfalls zum Gefangenen machte. Wann immer Ledger als Joker auch nur zu erahnen ist, folgen ihm unsere Augen in die letzte Ecke, bereiten wir uns innerlich auf seinen nächsten, brutal innovativen Trick vor (Vorsicht, wenn der Kugelschreiber kommt). Ledger macht sich mit diesem Film zur Legende und lässt im Spielrausch selbst seinen traurigen Tod vergessen. Natürlich muss man tief durchatmen, wenn der Joker einmal in einem Leichensack zu einem Meeting stößt oder von seinem Plan schwärmt, die Fundamente einer von Regeln besessenen Gesellschaft einzureißen.

The Dark KnightNichts, so Nolan nach der Produktion, habe er geschnitten, weil er Ledgers Lust am Leben durch seine Arbeit dokumentieren wolle. Und ob es dafür einen Oscar gibt oder nicht: Wie Ledger animalisch seine vernarbten Mundwinkel leckt, wie er während einer Verfolgungsjagd den Fahrtwind genießt oder einfach nur „Hi!“ sagt, wenn er mit roter Perücke und Schwesterntracht vor das Krankenbett eines Opfers tritt – all das ist so furchtlos, frei und mit so purem Anar­chismus gespielt, dass es Einzug ins Unterbewusstsein ganzer Zuschauergenerationen halten wird.

The Dark Knight
Mehrfach wurde die Dynamik zwischen Räuber und Gendarm in „The Dark Knight“ schon mit der Verwandtschaft DeNiros und Pacinos in „Heat“ verglichen, doch die Symbiose von Batman und Joker ist komplizierter. Keiner käme je auf die Idee, den anderen zu töten. Auch der Joker nimmt von diesem Vorhaben Abstand, denn: „Ohne dich wäre alles so wahnsinnig langweilig“. Bale als Batman implodiert fast vor Wut, wenn ihn der Joker wiederholt an die Grenze seines Ehrenkodex führt und er keine Angriffsfläche eines Gegner findet, der sich ebenfalls das Recht auf ultimative Selbstbestimmung herausnimmt. Schizophren sind sie beide, doch der Joker feiert diesen Geisteszustand und ist in Nolans Interpretation die tiefschwarze Seite eines ohnehin unvergleichlich düsteren Antihelden. In einem Sommer voller Fantasy-Figuren von Iron Man über den Hulk bis Hancock lässt „The Dark Knight“ die respektable Konkurrenz hinter sich, weil hier jeder auf der Leinwand wie ein Erwachsener behandelt wird. Das könnte mittelfristig sogar die gewohnte Infantilisierung des Genres („Spider-Man“) eindämmen.

The Dark Knight
Nolans erst sechster Spielfilm ist nicht perfekt, natürlich nicht. Nahkampfsequenzen wird durch zu hektische Schnitte ihre Effektivität genommen, einige Dialoge klingen wie hölzerne Kalendersprüche, und innerhalb der überfrachteten Story wirkt die Besetzung und groteske Entwicklung des dritten Schlüsselspielers Harvey Dent wie ein Fremdkörper. „Ungefähr zweieinhalb Stunden“, so lautete freilich schon am Set Nolans unumstößliche Antwort auf die geplante Laufzeit von „The Dark Knight“, den sicherlich auch das Studio um Kürzungen gebeten haben wird.


Doch wer diesem Film seine Länge vorwirft – so ziemlich die einzige durchgehende Kritik im Chor der „Dark Knight“-Bewunderer –, übersieht die strukturelle Gewichtung der Story. Wo wären Kürzungen überhaupt zu verschmerzen? In den wunderbar stillen Momenten mit Gary Oldman, der stoisch wie ein deutscher TV-Kommissar seinen Pflich­ten nachgeht? Oder beim Rapport zwischen Bale und Michael Caine, der seinen Butler Alfred als Ex-Söldner sieht und immer ein besorgtes Bonmot zum Frontgeschehen parat hält?

The Dark Knight

Nolan hat das Kunststück fertig gebracht, ein erstaunliches Spektakel auf das Wesentliche zu reduzieren. Er schenkt den zwischenmenschlichen Verletzungen und Ängsten seines Ensembles genau so viel Raum wie etwa einem mit Stahlseilen zum Überschlag gebrachten 18-Tonnen-Truck. Vergessen ist der Pop-Art-Appeal des Batman, das bizarre Image des Fasching-Fighters. Stattdessen herrscht ein überzeugter Pessimismus, der sich vom Produktionsdesign (das Bat-Cave ist jetzt ein kühles Untergrund-Loft in Neonlicht) bis zur Leichenquote in jeder Szene nie­der­schlägt.

The Dark Knight
Am Rande der Feuergefechte in Chicago sagte Nolan noch, dass er mit „The Dark Knight“ ein wenig „die Konventionen des Blockbuster-Kinos auf ihre Haltbarkeit prüfen“ wolle. Und ziemlich genau ein Jahr später bricht sein Film Rekorde, erreicht Zuschauer weit jenseits der merkwürdigen Comicfan-Kultur und definiert den Mainstream neu. So recht mag niemand bisher begreifen oder erklären können, warum usgerechnet ein Wagnis wie „The Dark Knight“ derart durch die Decke geht, in dem Happy-Ends zum Ersticken verdammt sind und Hoffnungskeime mit Bomben gesprengt werden. Aber vielleicht greift es die Logik des Jokers am besten, der jede gewohnte Ordnung mit Radikalität kontaminiert und die Welt mit einem Knall aus ihrem Dämmerschlaf wecken will. Nolan macht nichts anderes. Sein Joker sticht.


Text:
Roland Huschke

Mehr über Cookies erfahren