Kino & Stream

„In The Darkroom“ im Kino

In The Darkroom

Liebe auf den ersten Blick war es nicht. Die „plumpe Anmache“ des Mannes, so erinnert sich die Frau, empfand sie in diesem Moment als „absolut abstoßend“. Der Schauplatz war eine Dunkelkammer in London, vierzig Jahre ist das her. Dass sie sich beide damals der „Weltrevolution“ verschrieben hatten, dem „bewaffneten Kampf gegen den Imperialismus“, brachte sie dann schließlich aber doch zusammen, die junge Frau aus der schwäbischen Kleinstadt und den Macho aus Venezuela, der unter seinem Tarnnamen „Carlos“ schon bald der meistgesuchte Terrorist der Welt sein sollte. Olivier Assayas’ gleichnamiger Spielfilm hat vor drei Jahren seine Geschichte erzählt, in ihm wurde Carlos’ Gefährtin und Ehefrau von Nora von Waldstätten verkörpert. In dem Dokumentarfilm von Nadav Schirman kommt sie jetzt selbst zu Wort.
Magdalena Kopp gerät ins Stocken, sie zögert, wenn sie berichtet, wie sie sich für den Weg in den Untergrund entschied, wie sie später die Beziehung zu Johannes Weinrich gegen die zu Carlos tauschte. Das war 1980, als das Terrortrio sein Hauptquartier in Budapest aufgeschlagen hatte, und wie Carlos sie mit Alkohol gefügig gemacht habe, „aber am Ende bin ich diejenige, die das entschieden hat“. Diesen Satz hört man aus dem Off, dazu sieht man sie, wie sie sich selber zuhört. Der Film ist voll von solchen Brechungen und Spiegelungen, benutzt historische Aufnahmen, Zeitzeugeninterviews und Ausschnitte aus einem obskuren Spielfilm, um Zeitgeschichte lebendig werden zu lassen: Kopps Biografie von der linken Szene Frankfurts in den Untergrund und bis zu dem Leben bei Carlos’ Familie in Venezuela nach dem Gefängnis. Wir sehen, dass Carlos, etwa in Palästina, noch heute verehrt wird, vor allem aber erleben wir eine Frau im Ringen mit der eigenen Verantwortung, in der Reflexion über die eigene Unfähigkeit, gegen Carlos aufzubegehren. Zudem erzählt „In the Darkroom“ auch von der 1986 geborenen Tochter Rosa, die einmal das einzige Foto betrachtet, auf dem sie und ihre Eltern zusammen zu sehen sind, und die schließlich ihren Vater im Gefängnis aufsucht – um sich von Carlos einen anderthalbstündigen Monolog anzuhören, wie sie ihrer Mutter später berichtet. Ein ebenso eindringlicher wie erhellender Film.

Text: Frank Arnold

Foto: Pandora Film Produktion / Real Fiction Filmverleih

tip-Bewertung: Herausragend

Orte und Zeiten: „In The Darkroom“ im Kino in Berlin

In the Darkroom, ?Deutschland/Israel/Finnland/Rumänien/Italien 2012; Regie: Nadav ?Schirman; 91 Minuten; FSK 12

Kinostart: 26. September

Mehr über Cookies erfahren