Kino & Stream

Das DFFB-Archiv wird online gestellt

Kanakerbraut

Verstecken braucht sich die Deutsche Film und Fernsehakademie Berlin (DFFB) ganz bestimmt nicht, an renommierten Absolventen herrscht absolut kein Mangel – von Thomas Arslan über Wolfgang Becker, Achim von Borries und Detlev Buck zu Fred Kelemen, Chris Kraus, Lars Kraume, Eoin Moore, Benedict Neuenfels, Raoul Peck, Christian Petzold, Helga Reidemeister, Angela Schanelec, Mark Schlichter, Uwe Schrader, Thomas Schadt …
Wie es soweit kommen konnte, lässt sich demnächst auf einer Webseite nachverfolgen, an der im Museum für Film und Fernsehen gerade gearbeitet wird. Dafür hat ein Team um Volkmar Ernst und Jürgen Keiper die Bestände aus dem DFFB-Archiv gesichtet und bis jetzt rund 4000 Titel in einer Datenbank erfasst und den Fundus digitalisiert. Eine Auswahl der archivierten Studentenfilme, aber auch Drehbücher, Standfotos, Produktionsunterlagen, Flyer und Werbematerial wird dann öffentlich zugänglich sein – eine einzigartige Gelegenheit, die DFFB kennenzulernen und dabei mitzuerleben, wie sich filmische Handschriften ausprägen und Filmstile entwickeln.
„Wir möchten einen Flow entstehen lassen“, sagt Jürgen Keiper, „man soll sich durch das Archiv bewegen, von einer Inhaltsangabe zu dem Film, dann schaut man sich die Biografie des Regisseurs an, wird weitergeleitet auf eine Narrationsstrecke, wo beispielsweise erklärt wird, was es mit diesen Prüfungen auf sich hatte, und von den Prüfungen kommt man dann zu Helene Schwarz.“ Helene Schwarz, die Grande Dame der DFFB, Sekretärin über Jahrzehnte, Vertraute gleichermaßen von Lernenden wie Lehrenden, Namenspatronin der Cafeteria und nicht zuletzt Hauptfigur in ?einem Film von Rosa von Praunheim, der bei ihr seine Bewerbungsmappe abholen musste, als die DFFB ihm 1968 den Studienplatz ?verweigerte.
Hartmut BitomskySo entfaltet sich ganz nebenbei auch die Geschichte der Filmakademie, deren Liste der abgelehnten Studenten mindestens so illuster ist, wie die der Absolventen. Auch Rainer Werner Fassbinder musste damals seine ?Bewerbungsunterlagen im Sekretariat wieder abholen.
Vielleicht war es für Fassbinder ein ?Segen, nicht an der DFFB zu studieren. Hier hatte man von Beginn an offenbar ziemlich dezidierte Vorstellungen von der westdeutschen Gesellschaft und der Aufgabe, die der Film – je nach persönlichen Prioritäten – als Kunst- oder Agitationsform zu erfüllen hatte. Wer sich die Namen auf der Jahrgangsliste der DFFB ansieht, versteht wie quer Fassbinders Theatralik zum vorherrschenden Sound der Filmakademie lag.
Schon beim ersten Studienjahrgang setzte die Auswahlkommission Zeichen, die irritierend hellseherisch die programmatische Ausrichtung der DFFB vorwegnahm. Mit Hartmut Bitomsky und Harun Farocki wurden zwei Bewerber ausgewählt, die als Publizisten und Filmemacher im Grenzgebiet zwischen Underground, Avantgarde und Dokumentarfilm bekannt werden sollten, und die Studentin Helke Sander definierte später als Regisseurin („Der subjektive Faktor“, 1981) gleich ein sehr persönliches Genre, das als Essay-Spielfilm nur unzureichend charakterisiert ist. Soweit die Filmleidenschaften dieser Studenten auch auseinanderlagen, der enge Bezug auf die westdeutsche Gesellschaft bildete ein äußerst belastbares Bindeglied.
KanakerbrautBeim Surfen durch die Auswahl merkt man, dass Film an der DFFB immer politisch ist. Selbst Wolfgang Petersens „Ich werde dich töten, Wolf“ von 1971 ist keineswegs so glatt und harmlos, wie man es von dem späteren „Tatort“-Regisseur erwartet hätte. Dass ?Petersen 1981 mit „Das Boot“ einen Film inszenierte, den seine Berliner Kommilitonen bestenfalls als „Nazi-Kitsch“ niedergemacht hätten, kann man hier jedenfalls noch nicht erkennen.
Wie wichtig die politische Haltung bei der Bewerbung war, daran erinnert sich Uwe Schrader. Die für die Aufnahmeprüfung geforderte Filmanalyse schrieb er zu Bernhard Sinkels „Lina Brake oder die Interessen der Bank können nicht die Interessen sein, die Lina Braake hat“ (1975). Der Film, der seine Uraufführung gerade auf dem Berlinale-?Forum gehabt hatte, kam im Prüfungsausschuss nicht gut an. Uwe Schrader: „Die Revolte im Altenheim entsprach nicht der DFFB-Ideologie. Das Individuum kämpft hier nur für sich und nicht für die ganze Gruppe.“ Schrader bekam den Studienplatz trotzdem, sein Abschlussfilm, die Milieustudie „Kanakerbraut“, wurde 1983 auf dem Festival in Cannes präsentiert.
Eine verblüffende Kontinuität fällt auf, wenn man die für die Online-Präsentation ausgewählten Filme ansieht – Verbindungslinien, geheime Verknüpfungen, verwandte Ansätze. Die Gegenwart, Berlin, die Gesellschaft, in der wir leben, werden zum Leitmotiv einer multimedialen Erzählung, bei der Fotos, Filme, ?digitalisierte Dokumente, Plakate und Audiospuren immer neue Assoziationen erlauben. Der User erlebt seinen eigenen Film, einen der in immer neuen Facetten weiterlebt. Nach mehrfach verschobenen Startterminen soll das DFFB Archiv ab Herbst online sein – hoffentlich.

Text: Nico Schröder

Fotos oben und unten: Uwe Schrader

Foto mittig: Helmut Herbst

Der Weg zur Online-?Präsentation
Für die Online-Präsentation des DFFB-Archivs wurden mittlerweile über 4000 Studenten-Produktionen aus den letzten 50 Jahren erfasst. Neben weitgehend unbekannten Kurz- und Übungsfilmen, wie sie im Rahmen von Kamera- oder Montageseminaren entstanden, sind unter den 100 Videostreams auch einige Kinofilme, die entweder als Vorstudie, in Ausschnitten oder vollständig zu sehen sind. Wegen technischer Schwierigkeiten wurde der Launch der Webseite mehrmals verschoben. Aktuell wird der Herbst als ?Starttermin angegeben.

Infos zum derzeitigen Stand unter ?www.deutsche-kinemathek.de?/aktuell?/?projekte

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