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Das Drama „Schattenwelt“ im Kino

Begreift man Filme über die jüngere Vergangenheit als Teil einer kollektiven Geschichtsschreibung, dann ist es ein Zeichen der Reife, ein Fortschritt vom Verstehen zum Verarbeiten, wenn nach den Tätern endlich auch die Opfer ins Zentrum rücken. Auch jene Opfer, die überlebt haben, Kolla­te­ralschäden eines dilettantisch durchgeführten Guerillakriegs.
Connie Walthers „Schattenwelt“ ist kein Film über die RAF, sondern ein Film über beschädigte Kinder. Wie Valerie, die vor über 20 Jahren mit ansehen muss­te, wie ihr Vater erschossen wurde, der kleine Gärtner des wichtigen Bankpräsidenten, der im Szenario des RAF-Kommandos nicht vorkam. Ihr Leben steht bis heute im destruktiven Bann der kindlichen Selbstbezichtigung, die sie nur mit Vergeltung glaubt, auslöschen zu können. Und nun kommt Saul frei, der mindestens Mittäter war und vielleicht mehr und auch niemals Ruhe finden wird, nicht vor der Gesellschaft und nicht vor seinem Gewissen –, auch er hat einen Sohn, der an seiner Tat zerbrochen ist. Die Qualität dieses aufrichtigen, ernsthaften Films wird umso deutlicher im Vergleich zum radical chic а la „Baader Meinhof Komplex„, der das für die Bun­desrepublik prägende historische Trauma als populärkultu­relle Götterdämmerung zugleich überhöht und bagatellisiert.
„Schattenwelt“ übt sich in programmatischer Zurückhaltung, eine präzise und doch ratlose Analyse der Gegenwart des Vergangenen. Dabei wurde dem Film schon im Vorfeld skandalöse Parteinahme vorgeworfen, als die Drehbuchmitarbeit von Peter-Jürgen Boock bekannt wurde, Ex-RAF-Mitglied, Teilnehmer an den Entführungen von Ponto und Schleyer 1977 und wegen seiner wechselnden Aussagen vom Bundeskriminalamt als „Karl May der RAF“ tituliert. Es ist mutig, jemanden wie ihn mit ins Boot zu holen. Das Ergebnis darf nur ein Film ohne Helden sein.
Dass diese Balance gehalten wird, verdankt sich vor allem den hervorragenden Schauspielern, al­­len voran Franziska Petri mit sphinxhaftem Gesicht und schlafwandlerischer Entschiedenheit. Ulrich Noethen spielt Saul mit weicher südbadischer Dialektfärbung und unterdrückter Aggressivität, den Ex-Terroristen, der am Ort der Tat ein neues Leben anfangen soll und doch nur den durchtrainierten Körper nutzlos durch die Tage befördert. Es wurde chronologisch gedreht, sodass die Geschichte immer auch anders hätte ausgehen können. Für diese Offenheit nimmt der Film einige dramaturgische Ausfallschritte in Kauf. Von der Lieblichkeit des Breisgaus bleibt außer wogenden Wiesen nicht viel: Trabantenstädte und Einkaufszentren, im Hintergrund die Bergkette des Schwarzwalds, in der ausgebluteten blaugrauen Farblichkeit der disziplinierten Kameraarbeit (Birgit Gudjonsdottir) klaus­tro­pho­bisch nah. Auch ästhetisch ein Film über die Schattenwelt, über Lemuren im Banne der Vergangenheit.

Text: Stella Donata Haag

Orte und Zeiten: „Schattenwelt“ im Kino in Berlin

tip-Bewertung: Sehenswert

Schattenwelt, Deutschland 2008; Regie: Connie Walther; Darsteller: Franziska Petri (Valerie), Ulrich Noethen (Saul), Tatja Seibt (Ellen); Farbe, 92 Minuten

Kinostart: 25. Juni

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