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Das Festival „Achtung Berlin – New Berlin Award 2013“

Silent Youth

In seiner neunten Auflage präsentiert sich Achtung Berlin, das Festival für junge Filmproduktionen aus und über Berlin und Brandenburg, in beeindruckender Üppigkeit. In mehreren Wettbewerben und Programmreihen werden vom 17. bis 24. April 80 Spiel-, Dokumentar- und Kurzfilme gezeigt, hinzu kommen Workshops, Filmgespräche und Partys, sodass schon durch die schiere Fülle die festivaltypische Unübersichtlichkeit garantiert ist. Gleichzeitig steht der Mangel an Durchblick thematisch im Zentrum eines Programms, dessen Protagonisten sich als Suchende bezeichnen, als Nomaden und Flüchtlinge.
Dass diese Selbstbestimmung nicht neu ist, zeigt Nuran David Calis in seiner beeindruckenden Büchner-Adaption „Woyzeck“, passgenau besetzt mit Tom Schilling in der Titelrolle. Durch die Verlagerung von der hessischen Garnisonsstadt in den Weddinger Hinterhof wird die politische Anklage der individuellen Glücksverhinderung durch die sozialen Verhältnisse aktualisiert. Doch abgesehen von der leider verunglückten Politsatire „Freiland“ erheben die meisten Filme ihre kritischen Befunde im sehr privaten Rahmen. Manchmal ergibt sich genau daraus eine Annäherung an gesellschaftliche Bruchstellen wie in „Staudamm“, der sich über die beiläufige Schilderung jugendlicher Orientierungslosigkeit an den Amoklauf an einer Schule herantastet. Der Herumtreiberfilm als spezifische Berliner Ausformung des Roadmovies kreist definitionsgemäß um die ziellose Bewegung. Titel wie „Rona & Nele“ oder „Käptn Oskar“ gehören zu diesem Genre, das enorm gewinnt, wenn der Blick ein leicht entrückter ist wie in „Berlin Telegram“. Hier flieht eine junge belgische Musikerin nach Berlin, um dem schmerzhaften Ende einer Liebe zu entkommen. Der Film macht die fremde Stadt zur Seelenlandschaft und erzählt von der heilsamen Wirkung der Leere und Weite.
Alles was wir wollenDie langen S-Bahn-Fahrten, der Himmel über der Warschauer Brücke, die Tempelhofer Freiheit: Diese Orte sind auch in „Silent Youth“ das Spielfeld, auf dem sich zwei junge Männer bewegen, so wenig zu Hause in der Stadt wie in ihren Körpern. Das Warten und Sehnen ohne die Sprache dafür übersetzt der Film in lange Wege, bis die erste Berührung zum Ereignis wird. Doch der Sex macht die Kommunikation nicht einfacher. Tücken der Paarbildung und Familienabgründe sind auch Thema in den Dokumentarfilmen. In „Mother’s Day“ macht sich ein seit zwanzig Jahren in Berlin lebender gebürtiger Hongkong-Chinese mit Mitte 40 auf die Suche nach seiner Mutter, die ihn als Baby verlassen hat. Aus Bilddokumenten aus dem Familienfundus, Interviewszenen und gezeichneten Animationssequenzen entsteht eine biografische Erforschung über Normalität und Tragik, Freiheit und Verantwortung.
Während dieser Film auch gerade durch die persönliche Offenheit berührt, spielen Generationenporträts wie „Alles was wir wollen“ oder „Alleine Tanzen“ eher über die Bande. In diesem thematisch reizvollen Film von Biene Pilavci wird die Auseinandersetzung mit der Bauchtanz-Begeisterung der Mutter zur ironischen Reflexion der eigenen Quarterlife-Crisis. Und in „Global Home“ findet Regisseurin Eva Stotz im Couch Surfing eine metaphorische wie praktische Antwort auf die Ruhelosigkeit der eigenen Existenz. Diese jugendlichen Selbstbefragungen kon­trastieren aufschlussreich mit dem Fazit eines Veteranen: Gerd Conradt hat seine lebenslange Suche mit dem Sucher der Kamera verbunden, wollte zum „Kinoauge“ werden wie der russische Filmpionier Dziga Vertov. Student im legendären ersten Jahrgang der dffb, politisiert durch APO und Vietnam, maoistischer Agitator, Beinahe-Berufsrevolutionär und später dann Bhagwan-Jünger, gelingt Conradt in „Video Vertov“ ein ehrliches Selbstporträt, in seinem Schwanken zwischen Pathos und Ironie typisch für die 68er-Generation, deren Haltung Berlin bis zur Wende geprägt hat.
Dragan WendeDoch das Biotop des alten West-Berlins war nicht nur gesellschaftspolitisches Laboratorium, sondern auch das Schaufenster der freien Welt, in dem einiges nicht ganz echt funkelte. Einer, für den der Mauerfall der Vertreibung aus dem Paradies gleichkam, ist Dragan Wende – Kleinganove, Türsteher, Beinahe-Millionär und Rolf-Eden-Freund. Aus der Perspektive des Neffen, der sich von Serbien aus aufmacht in das gelobte Land, das seit 20 Jahren nicht mehr existiert, zeichnet der Film „Dragan Wende“ das extrem unterhaltsame Porträt eines Lebenskünstlers und entwickelt dabei das Psychogramm eines Milieus, in dem das West-Berlin der 80er-Jahre als Endlosschleife weiterläuft.
Glück ist, eine Vision zu haben, und mag sie noch so konträr zu den Verhältnissen stehen: Das zeigt auch der wunderbare Eröffnungsfilm „Kohlhaas oder Die Verhältnismäßigkeit der Mittel“ von Aron Lehmann. Robert Gwisdek spielt das Alter Ego des Regisseurs, der trotz geplatzter Finanzierung in der bayrischen Provinz ein Historienepos zu drehen versucht. Die HFF-Produktion ist eine intelligente und hochkomische Etüde über künstlerische Besessenheit, deren Geist perfekt zum Berlin der Künstler, Selbstdarsteller und Illusionisten passt.

Text: Stella Donata Haag

Fotos: achtung berlin

Achtung Berlin – New Berlin Film Award, Mi 17.4. bis Mi 24.4. im Babylon Mitte, Filmtheater am Friedrichshain und Passage Neukölln

www.achtungberlin.de

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