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Das Festival „achtung berlin – new berlin film award“

Puppe, Icke und der Dicke

Bin ich denn auch ein Spinner, wenn ich nach Berlin gehe? Diese bange Frage stellt sich Vivien. Sie arbeitet in einem Motel an irgendeiner Bundesstraße und spielt E-Gitarre. Jeden Morgen um kurz nach halb neun fährt ein Linienbus nach Berlin. Bislang hat sie sich nie getraut, einzusteigen. Das ändert sich, als verschiedene Durchreisende auftauchen, die zwischen Berlin und Paris unterwegs sind: eine schwangere Blinde, ein stummer dicker Biertrinker und ein kleinwüchsiger Icke mit großer Klappe. Sie bilden das titelgebende Trio in dem Roadmovie „Puppe, Icke & der Dicke“ (Foto oben), das eher ein Pendelverkehr-Film ist. Wenn die in Berlin überleben können, dann kann es Vivien schon lange. Also ab in den Bus. Der Berliner Icke hat natürlich auch eine Meinung zu den Zuwanderern: „Du kannst nichts, du machst nichts? Fahr nach Berlin! Dieses räudige Künstlerpack!“
Mit „Puppe, Icke & der Dicke“ eröffnet das Festival achtung berlin – new berlin film award. An acht Tagen werden hier rund 75 neue Filme aus Berlin vorgestellt: kurze, lange, mittellange; Spielfilme, Dokumentarfilme. Längst ist achtung berlin zu einer wichtigen Verabredung der hiesigen Branche geworden. Und zu einem Publikumsfestival. Bei der ersten Ausgabe 2005 zählte man 3.500 Besucher, im vergangenen Jahr waren es über 12.000. Anfangs reichte ein Kino, heute verteilt sich das Programm auf vier Kinos. Kernstück des Festivals sind die beiden Wettbewerbe für abendfüllende Dokumentar- und Spielfilme. Jeweils zehn Filme sind am Start. Hier trifft man auf Seelenverwandte von Vivien, Puppe und dem Dicken, die ihre alte Heimat verlassen, um in Berlin anzukommen. Berlin als „Arrival City“, als Ort der Ankunft. Die Erzählungen von Zuwanderern, Zugezogenen oder Emigranten gehören seit jeher zu der Stadt, die ohne sie nie aus dem Sand gestampft und immer wieder umgebaut worden wäre.
BerlinizedDer Dokumentarfilm „Berlinized“ (Foto links) blickt zurück auf die Zuwanderer der 90er-Jahre, auf die offene Stadt in den Jahren nach dem Mauerfall. Pioniere der damaligen Kunst-, Club- und Nachtlebenszene erzählen, wa­rum sie nach Berlin und nirgendwo anders hinwollten. Nina Rhode von der Künstlergruppe Honey Suckle Company wurde von der absoluten Freiheit und dem Chaos angezogen. Auch dem Company-Mitglied Peter Kisur war klar: „Nichts wie ab nach Berlin. Und dann habe ich ein Jahr kein Tageslicht mehr gesehen.“ Zeitgenössische Videoaufnahmen bringen die Abenteuer der Nacht noch mal auf die Leinwand. Doch Regisseur Lucian Busse zeigt auch, wie das große Experiment beendet wurde: Bagger und Kräne bauen die Freiräume zu.
Wäre Jorge Prados in den 90ern aus Buenos Aires nach Berlin gekommen, hätte er wahrscheinlich einfach in einem Hinterhof in Mitte eine Bar aufgemacht. Heute muss er sich durch die Amtsstuben kämpfen, um eine Schankgenehmigung zu bekommen. Jorge ist einer von gut 20 Teilnehmern eines Integrationskurses in der Volkshochschule Berlin-Mitte, den Britt Beyer in ihrer Dokumentation „Werden Sie Deutscher“ zehn Monate lang begleitet hat. Zu Jorges Mitstreitern gehören unter anderem Niara aus Brasilien, Shipon aus Bangladesch und die Palästinenserin Insaf. Fernab der ideologischen Diskussionen schlägt der Film einen optimistischen Ton an und sieht der Inte­gration bei der Arbeit zu.

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Foto „Puppe, Icke und der Dicke“: Stefan Hoederath / strangenough pictures / One Two Films

Foto „Berlinized“: Achtung Berlin

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