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„Das Festmahl im August“ von Gianni Di Gregorio

Das Festmahl im AugustBeim Kochen wie beim Filmemachen ist das die große Kunst: aus einfachsten Zutaten einen unvermuteten Reichtum an Empfindungen, Ideen und Genüssen zu zaubern. Genau das gelingt dem bislang als Drehbuchautor bekannt gewordenen Gianni Di Gregorio (zuletzt hat er an Matteo Garrones „Gomorra“ mitgearbeitet) bei seinem Regiedebüt. Die Zutaten: das römische Altstadtviertel Trastevere Mitte August, vier hoch betagte, aber höchst vitale Damen, ein melancholischer Endfünfziger.
Dieser vom Regisseur selbst gespielte Endfünfziger namens Gianni sorgt immer dafür, dass sich ein Glas gut gekühlten Weißweins in seiner Reichweite befindet, und er sieht aus wie jemand, der sich den Schlaf nie richtig aus den Augen wischen mag. Irgendwie hat er es verpasst, sich um eine gutbürgerliche Karriere zu kümmern. Aber er sorgt in einer verwinkelten, von hübscher Alterspatina gezeichneten Etagenwohnung hingebungsvoll für seine 90-jährige Mutter.
Mit ihm taucht der Film in die hochsommerliche Hitze der leergefegten Gassen Trasteveres ein und erzählt, wie der von Schulden geplagte Gianni plötzlich zum Herbergsvater für drei weitere ältere Damen wird. Weil sich sein Hausverwalter und sein Arzt für die Ferientage um Mariä Himmelfahrt von ihren lästigen und kapriziösen Müttern (bzw. Tanten) befreien wollen, werden sie bei Gianni abgegeben. Schluss mit dem dolce far niente, dem süßen Nichtstun: Gianni bindet sich eine karierte Küchenschürze um, kocht mit Tante Maria Makkaroni und muss die abenteuerlustige Oma Marina, die ihm unzweideutige Avancen macht, von einem nächt­lichen Ausflug zurück in die Wohnung lotsen.
Zehn Jahre lang ging Gianni Di Gregorio mit dem Stoff hausieren und bekam von Produzenten immer nur zu hören: „Wen soll so etwas interessieren: ein Film mit vier hochbetagten Frauen in den Hauptrollen?“ Dann sprang Matteo Garrone als Produzent ein, und am Ende erwies sich „Das Festmahl im August“ nicht nur als ein mit Standing Ovations gefeierter Hit bei den Filmfestspielen von Venedig, sondern auch als Überraschungserfolg der Saison im italienischen Kino.
Aus der Not des schmalen Budgets macht Di Gregorio eine Tugend: intime Charakterzeichnung paart sich mit zartem Komödienwitz. Seine souveräne Regie offenbart sich in gestischen Nuancen, in der feinen Schattierung von Stimmungen und Atmosphären. Es genügt, dass Giannis Mutter, die sich mit Oma Marina um den Fernseher streitet, einmal ein französisches „peut-кtre“ in ihre Argumente einbaut, um ihre Diva-Attitüde sichtbar zu machen. Sie ist stolz auf ihre altadelige Herkunft, auch wenn ihr nur mehr die Erinnerung an einen längst verflossenen Glanz bleibt und ihr Stolz wie eine rührend kindliche Trotzköpfigkeit erscheint.
Gianni Di Gregorio zeigt, wie sich das Leben im Alter wieder dem Kindsein annähert: wenn es unbekümmerter Spontaneität und frohgemuter Neugierde folgt. Das Spiel der vier Damen, die auch rea­liter ein Alter zwischen 85 und 93 aufweisen, verblüfft, überzeugt und begeistert durch Wahrhaftigkeit und Frische. Der Film scheut sich nicht, die physische Zebrechlichkeit ausdrücklich und in Großaufnahmen zu präsentieren: die knochigen Hände, die zerknitterte, pergamentene, fleckige Haut. So wird es geradezu zum Widerstandsakt gegen eine „hektische, auf Jugend getrimmte Gesellschaft, die Angst vor dem Alter hat“ (Di Gregorio), wenn sich die als störend beiseite geschobenen alten Ladys ihr Beisammensein zum Fest machen und ihr Festmahl eine mediterrane Leichtigkeit des Seins gewinnt, von deren Zauber man sich bereitwilligst gefangen nehmen lässt.

Text: Rainer Gansera

tip-Bewertung: Herausragend

Das Festmahl im August (Pranzo di ferragosto), Italien 2008; Regie: Gianni Di Gregorio; Darsteller: Gianni Di Gregorio (Gianni), Valeria De Franciscis (Giannis Mutter), Maria Laura Cali (Tante Maria); Farbe, 75 Minuten.

Kinostart: 30. April

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