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Das Filmfestival achtung berlin 2015

Liebe mich

Seit elf Jahren organisieren und leiten Hajo Schäfer und Sebastian Brose das Filmfestival achtung berlin. Auf Fotos sieht man die zwei Männer meist gemeinsam, es gibt sogar Bilder, auf denen man so etwas wie ein abgesprochenes Outfit zu erkennen meint. Schäfer und Brose haben sich in ihren Dreißigern kennengelernt und schnell beschlossen, die geteilte Liebe zum Film auf Festivalebene zu heben. Das Unterfangen ist geglückt: neben der Berlinale und dem Kurzfilmfestival Interfilm ist achtung berlin ?das größte Filmfestival der Hauptstadt. ?Eines, das auf Brimborium gut verzichten kann.
LichtgestaltenMan erzählt sich gern Geschichten von Schauspielern, die zur eigenen Filmpremiere auf dem Fahrrad angeradelt kamen. Das Kino Babylon am Rosa-Luxemburg-Platz ist eben nicht der Berlinale Palast. Auch nicht das Kino International, das Passage Kino, die Tilsiter Lichtspiele oder das Filmtheater am Friedrichshain – alles Veranstaltungsorte, an denen das Festival vom 15. bis zum 22. April ausgerichtet wird.
achtung berlin interessiert sich ausdrücklich für sein Publikum, und zwar auf einem ganz grundsätzlichen Level: Es werden Filme von Berlinern gezeigt, Filme, die in Berlin spielen oder von ansässigen Produktionsfirmen gestemmt wurden. Schäfer sagt schlicht und trefflich, befragt man ihn zu seinem Programm: „Wie Leute in Berlin arbeiten, leben, lieben“. Darum geht es in vielen Filmen von achtung berlin.
Darüber hinaus wissen Schäfer und Brose mittlerweile sehr genau darüber Bescheid, was sich in der deutschen Filmlandschaft tut. achtung berlin ist auch ein Forum des jungen deutschen Films. Mumblecore, Neo-Berliner Schule und Filme von Berliner Expats finden sich im Spielfilm-Wettbewerb. „Jedes Jahr bekommen wir sehr unterschiedliche Filme zugeschickt und wir haben es uns zur Aufgabe gemacht, verschiedene Strömungen abzubilden. Es gibt ja Festivals, die haben eine einzige Linie, das ist bei uns nicht so.“
So nennt Schäfer zum Beispiel „Limbo“ von Anna Sofie Hartmann. Der Debütfilm der DFFB-Regiestudentin erzählt von einer Schulklasse in Dänemark, die eine neue Lehrerin bekommt. Und das Mädchen Sara verliebt sich in sie. Durchsetzt ist der Film von minutenlangen Industrieaufnahmen einer örtlichen Zuckerfabrik. Valeska Grisebach („Mein Stern“, „Sehnsucht“), selbst eine Regisseurin, die der Berliner Schule zugerechnet wird, hat das Projekt betreut. „Das sind Filme, die durch eine sehr künstlerische Haltung auffallen. ‚Limbo‘ ist schon real, aber trotzdem hat er formal etwas sehr Künstlerisches.“
Das FlossOder Mumblecore. „Das ist die andere große Strömung“, sagt Schäfer. „Der Begriff kommt ja eigentlich aus dem New Yorker Indie-Kino, aber wir haben das vor ein paar Jahren ein bisschen nach Deutschland geholt.“
Wer wissen möchte, was sich hinter dem Begriff (vielleicht) verbirgt, sollte sich „Das Floß“ von Julia C. Kaiser ansehen, der sich selbst eine „ImproTragiKomödie“ nennt. Auch „Liebe mich!“ von Philipp Eichholtz könnte man als Teil des losen Genre-Zusammenhangs bezeichnen, ein Film über Sarah, eine junge Grafikdesignerin, die irgendwo auf der Kippe steht zwischen Abnabelung von den Eltern, Boyfriend-Experimenten und der Frage, wo bloß das Geld für ein neues MacBook herkommen soll. Robert Mansons Film „Lost in the Living“ folgt indessen einem jungen Iren auf einem Berlin-Trip mit seiner Band. Doch mit der Musik klappt es nicht recht, und dann steht auch noch eine zauberhafte Berlinerin (Aylin Tezel) auf der Matte. Die Frage hier: Bleiben?
achtung berlin zeichnet sich auch durch eine traditionell starke Dokumentarfilm-Auswahl aus. In diesem Jahr wird etwa Gerd Kroskes DDR-Subkultur-Drama „Striche ziehen“ Berlin-Premiere feiern, und auch auf Samer Halabi Cabezуns Film „Straßensamurai“ darf man sich freuen – das Porträt vierer Berliner Türsteher_innen.
„Insel 36“
von Asli Özarslan ist eine Beobachtung des Protestcamps auf dem Kreuzberger Oranienplatz, das knapp eineinhalb Jahre sowohl Unterkunft als auch politische Basis Asylsuchender war. Özarslan konzentriert sich in ihrem Film besonders auf die Sudanesin Napuli, die für eine Änderung der in Deutschland herrschenden Asylgesetze kämpft.
„Das Festival ist schon ein Spiegel, was gerade los ist in Berlin“, sagt Hajo Schäfer. Ein Blick, auf den man sich einlassen kann.

Text: Carolin Weidner

Foto oben: Fee Scherer

Foto mittig: Christian Moris Müller Filmproduktion 

Foto unten: Julia Becker & Julia C. Kaiser Produktion

achtung berlin – new berlin film award, 15.–22.4., Eröffnung am 15.4. im ?Kino International mit „Lichtgestalten“

www.achtungberlin.de

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