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„Das finstere Tal“ im Kino

„Durch diese hohle Gasse muss er kommen“ – so lautet eines der vermutlich berühmtesten Zitate der deutschen Literatur. Was Schiller im „Wilhelm Tell“ zur Voraussetzung eines politischen Anschlags machte, gilt in leicht abgewandelter Form auch für Thomas Willmanns Roman „Das finstere Tal“. Dieses liegt nämlich so, dass es von der modernen Welt aus schlecht erreichbar ist. Man muss gleichsam durch einen Felsspalt, und wenn man den passiert hat, dann kommt man empor ins Reich der nicht so edlen Menschen. Im Roman ist es ein Maler namens Greider, der eines Tages unvermutet in dieser Gebirgsgegend auftaucht. Unter Leuten, die an Fremde nicht gewöhnt sind, nimmt er Quartier, und damit hat es sich mit dem landwirtschaftlich geprägten Einerlei aus Holzfällen, Viehzucht und Kirchgang.
Greider macht eigentlich nichts Besonderes. Er malt und zeichnet nur, doch passieren plötzlich seltsame Dinge im Tal. Gleich zwei Söhne des mächtigen Brenner-Bauern kommen ums Leben, und die junge Luzi, die Tochter der Frau, bei der Greider ein Zimmer bewohnt, liebt zwar ihren Bräutigam vollen Herzens, aber auf die Hochzeit freut sie sich nicht. Das hat mit dem dunklen oder „finsteren“ Geheimnis zu tun, das es in diesem Tal zu lüften gibt.
Der Held erinnert stark an legendäre Fremde ohne Namen, die Clint Eastwood so gern spielt, wie sie aber im Western ohnehin zum bewährten Personal gehören. Und auch in einer anderen Hinsicht schließt Thomas Willmann an eines der klassischen Erzählgenres an – hier zu sagen, wie, würde eine der markanten Wendungen des Buches verraten. Dass „Das finstere Tal“ jetzt verfilmt wurde, liegt also aus verschiedenen Gründen nahe, und man durfte gespannt sein, wie der österreichische Regisseur Andreas Prochaska („In 3 Tagen bist du tot“) vor allem mit dem zentralen Kapitel des Romans umgeht, einer virtuosen Verschränkung der beiden Spannungslinien des Buches.
Interessanterweise unterspielt Prochaska dieses Moment literarischer Parallelmontage eher, was seinem Film aber keinen Abbruch tut. Die Western-Aspekte hingegen kehrt er noch deutlicher hervor, wobei er die immer wieder dramatisch wechselnden Horizonte in den Tiroler Alpen für den einen oder anderen gekonnten Pferdeopernmoment nutzt. Greider wird hier schon durch die Besetzung mit dem englischen Jungstar Sam Riley deutlicher der neuen Welt zugewiesen. Die Einheimischen werden von bewährten Kräften des deutschsprachigen Film- und Fernsehwesens gespielt, wobei Tobias Moretti sich als ein exzellenter Schurke erweist.
So kommt es zu einer Reihe von gut inszenierten Duellen in der winterlichen Landschaft, und auch mit dem Motiv der Jahreszeiten wird noch einmal das finstere Tal im Zivilisationsprozess betont, das hier durchschritten werden muss. So dicht lagen Genrekino und Kulturtheorie im deutschsprachigen Film noch selten beieinander – eine fruchtbare Verbindung.

Text: Bert Rebhandl

Foto: X-Verleih

tip-Bewertung: Sehenswert

Orte und Zeiten: „Das finstere Tal“ im Kino in Berlin

Das finstere Tal?, Österreich/Deutschland 2013; Regie: Andreas Prochaska; ?Darsteller: Sam Riley (Greider), Paula Beer (Luzi), Tobias Moretti (Hans Brenner); 115 Minuten; FSK 12

Freiluftkino Friedrichshain, Mo 11.8., 21 Uhr

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