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„Das Glück der großen Dinge“ im Kino

Das Glück der großen Dinge

Es ist einer der ältesten Kniffe des Bildmediums Film: Die Möglichkeit, etwas mit den Augen von jemand anderem zu sehen. Der Roman kennt solch perspektivisches Erzählen auch, aber nur im Kino kann die Kamera geradezu an die Stelle von Figuren treten. Selten jedoch wurde (außerhalb des Thriller-Genres) das Sehen und Beobachten einer einzelnen Person einmal so ins Zentrum gestellt, wie in „What Maisie Knew“ (auf Deutsch rätselhafterweise unter dem Titel „Das Glück der großen Dinge“ vertrieben). Der Film lebt ganz und gar von den großen Kinderaugen seiner sechsjährigen Hauptdarstellerin Onata Aprile, und zeigt uns, was diese sehen.
Und das ist nicht schön: ihre Eltern sind Julianne Moore als charismatische, aber unausgeglichene alternde Rocksängerin, und der Komiker Steve Coogan als aalglatter, zwielichtiger Kunsthändler. Die beiden streiten sich, beschließen die Trennung, streiten sich weiter ums Sorgerecht, zerren das Kind hin und her, sind beide mal übermäßig emotional, mal abwesend, suchen Maisies Liebe und vernachlässigen sie doch immer wieder.
Der Vater tröstet sich schnell mit der hübschen Nanny Margo (Joanna Vanderham) über das Scheitern der Ehe hinweg, während die Mutter sich einen gut aussehenden Barmann angelt (Alexander Skarsgеrd, Chef-Vampir aus „True Blood“, hier ganz der sanfte Riese). Anders als im klassischen Märchen erweisen sich allerdings diese neuen Partner als Glücksfall für Maisie, denn je mehr die selbstsüchtigen Eltern sie vergessen, desto mehr springen die beiden jungen Stiefeltern notgedrungen ein und werden zunehmend zu den Hauptbezugspersonen des Mädchens.
Dass dieser Film über trendige heutige New Yorker auf einer Vorlage von Henry James beruht, dem großen Beobachter menschlicher Eitelkeiten und amerikanischer Befindlichkeiten am Ende des 19. Jahrhunderts, erstaunt auf den ersten Blick. Seine Romane haben in den letzten Jahren vor allem als Ausgangsmaterial für eine Reihe von opulenten Kostümfilmen gedient, von James Ivorys „The Golden Bowl“ bis zu Jane Campions „The Portrait of a Lady“. Näher betrachtet hat die Geschichte allerdings etwas sehr Zeitloses, ja Altmodisches: Das ist kein aktueller Beitrag zur Patchwork-Familien-Debatte, sondern eine moralische Abrechnung mit egozentrischen Eltern auf dem Selbsterfüllungstrip, egal in welchem Jahrhundert. Man wird das Kino nicht verlassen, ohne zu fühlen, dass manche Leute grundsätzlich keine Kinder bekommen sollten.
Gleichzeitig, und das ist eine besondere Leistung der großartigen Julianne Moore: Auch als schreckliche Mutter vermag sie einem die emotionalen Nöte ihrer Figur so nahezubringen, dass man sie nicht einfach als Monster abtun kann. Der Film des sehr interessanten Filmemacher-Gespanns Scott McGehee und David Siegel ist voller solcher Ambivalenzen. Denn Maisies naive Kinderaugen, durch die wir ihn sehen, demaskieren die Erwachsenen nicht nur, sondern lieben sie auch, und ein Stück weit kommen wir nicht umhin, dieser Sicht zu folgen. Mehr gekonnte Manipulation des Blicks war selten.

Text: Catherine Newmark

Foto: JoJo Whilden / 2013 MAISIE KNEW, LLC. / 2013 Pandastorm Pictures GmbH

tip-Bewertung: Sehenswert

Orte und Zeiten: „Das Glück der großen Dinge“ im Kino in Berlin

Das Glück der großen Dinge (What Maisie Knew), USA 2012; Regie: Scott McGehee, David Siegel; Darsteller: Julianne Moore (Susanna), Steve Coogan (Beale), Onata Aprile (Maisie); 103 Minuten; FSK 12

Kinostart: 11. Juli

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