Familiendrama

„Das Haus am Meer“ im Kino

Wenige knappe Dialoge genügen Robert Guédiguian, um die Geschichten der drei Geschwister zu erzählen, die miteinander so vertraut sind, dass ihre Kommunikation oft auch ohne Worte funktioniert.

Foto: Film Kino Text

Von der Terrasse seiner Villa hat der alte Mann den allerschönsten Blick auf das Meer, mit der Zigarette in der Hand bietet er einen Anblick friedlicher Entspanntheit. Doch dann verkrampft sich plötzlich seine Hand. Nach dem Schlaganfall ist alles anders, der Alte hängt am Tropf. Ob er überhaupt noch etwa wahrnehmen kann, fragen sich seine drei erwachsenen Kinder, die diese Tragödie nach vielen Jahren wieder zusammenführt am Ort ihrer Kindheit, der Villa in diesem Fischerort in der Nähe von Marseille.

Mit dem Schicksal des Vaters, aber auch mit dem eigenen Altern kommt die Zeit des Nachdenkens – über das Vergangene und über den Rest an Zeit, der einem selber noch bleibt. Hat man in der Vergangenheit die richtigen Entscheidungen getroffen, ist jetzt der Moment gekommen, Korrekturen vorzunehmen oder gar etwas Neues zu wagen? Gehen oder bleiben, dieser Frage müssen sich übrigens auch andere, jüngere Menschen hier stellen.

Wenige knappe Dialoge genügen dem Film, um die Geschichten der drei Geschwister zu erzählen, die miteinander so vertraut sind, dass ihre Kommunikation oft auch ohne Worte funktioniert. Joseph ist ein ehemaliger Gewerkschaftsführer, gefeuert, aber mit einer guten Abfindung. Einer, der von sich selber sagt, er sei ein guter Redner, aber ein schlechter Schreiber. Sein zynisch-verbitterter Blick auf die Welt hat ihn bisher daran gehindert, seine Geschichte aufzuschreiben. Angèle lebt als erfolgreiche Theaterschauspielerin in Paris, sie ist seit 20 Jahren nicht mehr hier gewesen, macht sie doch den Vater für das damalige Ertrinken ihrer kleinen Tochter verantwortlich, die sie um der Karriere willen und ohne Wissen ihres Ehemannes in dessen Obhut ließ. Armand hingegen ist hiergeblieben und hat das Familienrestaurant weitergeführt, mit kleiner Auswahl zu günstigen Preisen, dem Trend trotzend, der aus dem Fischerort mittlerweile eine Touristenattraktion mit Saisonbetrieb gemacht hat und ihn jetzt im Winter wie eine Geisterstadt erscheinen lässt.

Am Ende kommt der Anstoß zu etwas Neuem von außen, durch drei Flüchtlingskinder. Wie sich das Ehepaar in Robert Guédiguians „Der Schnee am Kilimandscharo“ des Kindes jenes Mannes annahm, der sie überfallen und beraubt hatte, so steht auch hier ein Akt von Nächstenliebe und Solidarität (Guédiguian selber verwendet das Wort ‚Brüderlichkeit’, das bekanntlich eine der Forderungen der Französischen Revolution war). Das ist nicht drangeklatscht, sondern wird im Film durch viele Details sorgsam vorbereitet, wie sich überhaupt Guédiguian einmal mehr als liebevoller Chronist des Alltäglichen erweist. Das macht die Kontinuität seiner Filme aus, so kann er hier für eine Rückblende mit denselben drei Protagonisten (seinen Lieblingsschauspielern Ariane Ascaride, Gérard Meylan und Jean-Pierre Darroussin) einfach auf einen Ausschnitt aus seinem 1985 gedrehten Film „Ki Lo Sa“ zurückgreifen.

Das Haus am Meer F 2017, 107 Min., R: Robert Guédiguian, D: Ariane Ascaride, Jean-Pierre Darroussin, Gérard Meylan, Jacques Boudet, Start: 21.3.

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