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Das Hollywood-Remake: „Verblendung“ im Kino

Verblendung

Ein seltsames Unterfangen ist das schon: ein nahezu identisches Remake eines gerade einmal zwei Jahre alten Films zu drehen und gleichzeitig so zu tun, als gäbe es dieses andere Werk überhaupt nicht. Wie der Fall von „Verblendung“ zeigt, David Finchers Neuverfilmung des Auftakts der populären „Millennium“-Roman-Trilogie von Stieg Larsson, stellt dies für US-Produzenten jedoch kein Problem dar. Schließlich finden europäische Filme in den USA nur eine sehr eingeschränkte Öffentlichkeit: Da es dort keine Synchronisation von fremdsprachigen Filmen gibt, erreichen die untertitelten Fassungen allenfalls ein inte­ressiertes Arthouse-Publikum. So werden die rund 10 Millionen Dollar, welche die Kinoversion der schwedischen TV-Verfilmung von „Verblendung“ in den USA einspielte, bestenfalls als ein Versprechen auf ein noch deutlich größeres Geschäft angesehen: Der Stoff um den Kampf des Journalisten Mikael Blomkvist und seiner Mitstreiterin Lisbeth Salander gegen Frauenhasser, Serienmörder und politische Verschwörungen besitzt erkennbares kommerzielles Potenzial, zumal Larssons Romane auch in den Vereinigten Staaten absolute Bestseller waren.
Doch welchen Mehrwert darf sich der deutsche Kinozuschauer versprechen, der den schwedischen Film, der Noomi Rapace in der Rolle der verhaltensgestörten Hackerin Lisbeth zu internationalem Ruhm verhalf, erst vor Kurzem gesehen hat? Nur sehr wenig. Daniel Craig bringt als Mikael Blomkvist mehr muskulöse Starpower in seine Rolle ein als sein Vorgänger Mikael Nykvist, und Rooney Mara wirkt als Lisbeth ein wenig jünger und verletzlicher als Noomi Rapace. Wer von „Verblendung“ ein neues Meisterwerk von David Fincher erwartet, wird jedoch zwangsläufig enttäuscht werden. Denn der Maestro, immerhin einer der interessantesten US-Regisseure der vergangenen zwanzig Jahre, hält sich sklavisch an das Konzept, das auch die schwedische Filmtrilogie bereits verfolgte. So schuf er eine solide, letztlich aber eher biedere Romanbebilderung mit hohem Wiedererkennungswert für den Larsson-Fan, welche die Handlung bestenfalls strafft, sich jedoch keinerlei inhaltliche oder interpretatorische Freiheiten nimmt. Vieles an „Verblendung“ zielt bereits auf die zu erwartenden Fortsetzungen ab: die handschriftenlose 08/15-Regie ebenso wie das – für diesen Film überflüssige – breite Ausmalen von Salanders Problemen, das eigentlich nur Sinn ergibt, wenn man weiß, das letztere im Mittelpunkt der Romane Nummer zwei und drei stehen. Insofern dürfen wir uns wohl auch auf die US-Versionen von „Verdammnis“ und „Vergebung“ gefasst machen. Und spätestens nach dem Vergeben folgt dann das Vergessen.

Text: Lars Penning

tip-Bewertung: Annehmbar

Orte und Zeiten: „Verblendung“ im Kino in Berlin

Verblendung (The Girl With The Dragon Tattoo), USA 2011; Regie: David Fincher; Darsteller: Daniel Craig (Mikael Blomkvist), Rooney Mara (Lisbeth Salander), Christopher Plummer (Henrik Vanger); 158 Minuten; FSK 16

Kinostart: 12. Januar

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