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Das „Jewish Film Festival“ im Delphi

Der Junge im gestreiften PyjamaEs klingt wie ein Coup: Das „Jewish Film Festival Berlin“ eröffnet mit „Der Junge im gestreiften Pyjama“, einer Romanverfilmung im Verleih von Disney. Einem Film über die Freundschaft zweier einsamer kleiner Jungen fern von zu Hause, die am Ende zusammen in ein Abenteuer aufbrechen. Doch Bruno, der Erzähler, wundert sich die ganze Zeit, warum Shmuel immer einen Pyjama trägt und hinter Stacheldraht eingesperrt ist. Shmuel hingegen weiß, dass Bruno der Sohn des Kommandanten ist. Des Kommandanten von Auschwitz. Womit wir dann doch mitten im Thema wären.
Wo die Vorlage, das gleichnamige Jugendbuch von John Boyne, gerade aus seiner literarischen Einfalt und dem kindlichen Tunnelblick eine gewisse Kraft bezieht, muss der Film scheitern – oder zumindest ein Film wie der von Mark Herman, den seine Un­sicher­heit dem brisanten Gegenstand gegenüber ins sorgfältig komponierte Historienstück treibt. Geschmackvoll bis zur Belang­losigkeit, entkommt er nicht der filmischen Offensichtlichkeit der Lagerverhältnisse. Die billigen Sus­­pense-Effekte der Schlussszene und der dramatische Höhepunkt der Gaskammer sind allenfalls im Hinblick auf die schuldidaktische Zweitverwertung zu erklären. Und gerade deshalb nicht zu entschuldigen.
Es ist bezeichnend für die Programmstruktur dieses spannenden und mit thematischer Spannung operierenden Festivals, dass es selbst den Gegenentwurf liefert: einen Film, der ausschließlich in der Baracke eines Vernichtungslagers spielt, dies den Zuschauer durch die intellektuelle Brillanz seiner Argumentation aber vergessen lässt, obschon unausgesetzt genau darüber geredet wird. In Andy de Emmonys „God on Trial“ machen Lagerinsassen in Auschwitz Gott in aller Form den Prozess und versuchen zu entscheiden, ob er sein „auserwähltes Volk“ verraten hat oder ob der Bund sich gerade in der Prüfung bestätigt. Ein fast klassisches Gerichtsdrama, großes Schauspiel­kino in britischer Tradition mit minimalen filmischen Mitteln.
Der Junge im gestreiften PyjamaDoch eine monothematische Verengung auf jüdischen Opferstatus liegt Festivalchefin Nicola Galliner fern, der es auch im 15. Jahrgang vielmehr darum geht, den Reichtum jüdischen und israelischen Lebens und Filmschaffens zu zeigen. Wobei Holocaust und Nahostkonflikt allerdings Kris­tallisationspunkte sind, an denen sich die verschiedensten Themen und Genres, Thesen und Geschichten berühren. So wie das deutsch-jüdisch-israelische Verhältnis, das zwangsläufig Lektürehorizont einer solchen Veranstaltung ist, zwischen Fremdheit und Vereinnahmung oszilliert, lassen sich auch die vorgestellten Filme nach dem Maßstab einordnen, ob sie eher Fenster auf fremde Welten oder Mikroskop sind, unter dem das scheinbar Vertraute plötzlich fremd erscheint.
Ein atemberaubender Panoramablick auf eine fremde, untergegangene Welt bietet sich dem Zuschauer in „The Wedding Song“. Regisseurin Karin Albou erzählt von der schwierigen Freundschaft zwischen der Muslimin Nour und der Jüdin Myriam in Tunesien während des Zweiten Weltkriegs. Nach der Niederlage Frankreichs erreicht die Judenverfolgung 1942 auch die Kolonie, und die Politik bedroht die intime Welt der Frauen – eine Welt der Innenhöfe und Hamams, der geteilten Betten und erschlichenen nächtlichen Rendezvous. Beim Spiel mit Körpern und Hüllen, Licht und Schatten ist kein effekthascherischer Orientalismus am Werk, sondern das Bemühen, einen ästhetischen Erfahrungsraum präzise ins Bild zu übersetzen.
Das Herz von JeninKonsequenterweise machen Dokumentarfilme über ein Drittel des Programms aus, das über 20 Filme umfasst. Darunter umkreisen einige die zeithistorische Problematik, aber viele wählen sich sehr persönliche, subjektive Themen wie „Phyllis and Harold“, Cindy Kleins Chronik der kata­stro­phalen Ehe ihrer Eltern, oder Nina F. Grünfelds Dokumentation über das Sterben ihres Vaters, „The Dying Doctor“. Subjektiv über die Grenze des Spleens hinaus wirkt zunächst auch der verzweifelte Versuch des jungen israelischen Regisseurs Yishai Orian, seinen schrottreifen, 40 Jahre alten VW-Käfer hinüberzuretten in sein Leben als Familienvater. Seine hochschwangere Frau ist strikt dagegen, und um Zeit zu schinden macht Yishai den Käfer kurzerhand zum Protagonisten seines neuen Filmprojekts. Beim Versuch, sein infantiles Festhalten an diesem verbeulten Symbol von Jugendlichkeit durch historische Forschungen zu rationalisieren, fördert er einiges zu Tage ­– vom umstrittenen Status des ehemaligen Kraft-durch-Freude-Wagens im Israel der 60er Jahre über eine Geburt auf dem Beifahrersitz bis zu einem Gedicht, das einst über genau dieses Auto verfasst wurde. En passant (oder eher en roulant) erfährt der Zuschauer in „The Beet­le“, wie das jüdisch-arabische Verhältnis aussieht, das es nicht in die Schlagzeilen schafft, in dem keine durchgeknallten Siedler oder Selbstmordattentäter vorkommen, sondern eine in Liebe zum alten Blech geeinte Männerrunde. Der Film als Schutz­zone – ein schönes, manchmal sogar wahres Bild. Doch auch da sind sie dann wieder, die stummen Giganten, der Holocaust und der Nah­ostkonflikt.

Text: Stella Donata Haag

Jewish Film Fesival, Arsenal, Mo 4. bis Do 14.05.; Filmmuseum Potsdam Fr 15. bis So 17.05.

Eröffnung: So 3.05., Delphi, 19.30 Uhr mit Spielzeugland und Der Junge im gestreiften Pyjama

Der Junge im gestreiften Pyjama Großbritannien/USA 2008; Regie: Mark Herman; Darsteller: Asa Butterfield (Bruno), Jack Scanlon (Schmuel); Farbe, 94 Minuten; Kinostart: 7. Mai

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