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Das Jüdische Filmfestival Berlin und Potsdam 2014

Fading Gigolo

Juden sind „gläubig“, „reich“, „schlau“ – auf drei unterschiedlichen Plakatmotiven für das 20. Jüdische Filmfestival werden diese verbreiteten Klischeevorstellungen ironisch kontrastiert mit Porträtfotos von drei überhaupt nicht zu diesen Adjektiven passenden Leuten. Das ebenfalls kontrastreiche Jubiläumsprogramm revidiert derart pauschale Vorurteile, der hochamüsante Eröffnungsfilm „Fading Gigolo“ von und mit John Turturro in der Titelrolle spielt damit. Da gibt es Bürgerwehren bornierter jüdischer Fundamentalisten und eine chassidistische Witwe in Brooklyn oder eine bizarre Gerichtsszene mit salbadernden Rabbis, die von Franz Kafka stammen könnte. Die Inszenierung, der Humor sowie die Musikauswahl für den exquisiten Soundtrack trägt Woody Allens Handschrift. Er war am Projekt bereits in der Drehbuchphase beteiligt und spielt in gewohnter Manier einen Amateurzuhälter, der seinem Freund reiche Kundinnen zuführt. Dabei illustriert das Lustspiel männliche Wunschvorstellungen: In Wirklichkeit werden Luxusfrauen wie Sharon Stone und Sexbomben wie Sofia Vergara es kaum nötig haben, wie hier im Film 1.000 Dollar für Geschlechtsverkehr mit einem faden Floristen zu bezahlen.
Big Bad WolvesDer Gegensatz zwischen dieser bildschön im herbstlich-sonnigen New York gefilmten Komödie über Liebessehnsucht und dem düsteren israelischen Thriller „Big Bad Wolves“ kann krasser kaum sein. Da vergewaltigt und verstümmelt ein perverser Serienkiller kleine Mädchen. Verdächtigt wird ein Lehrer, der mangels Beweisen mit Gewalt zu einem Geständnis gewungen werden soll und zum Opfer von Polizeigewalt sowie einer medialen Hexenjagd wird. Es kommt noch schlimmer, als der Pädagoge von einem besessenen Cop und dem psychopathischen Vater eines der Mordopfer in einen Folterkeller verschleppt und gnadenlos gequält wird. Die explizite Darstellung der Torturen in Verbindung mit makaberer Komik wird das Publikum polarisieren und auf viele abstoßend wirken. Nach Ansicht von Quentin Tarantino war die Horror-Groteske „der beste Film des Jahres 2013“.
WakoldaIm argentinischen Festivalbeitrag „Wakolda“ wird der KZ-Arzt Josef Mengele, der im Namen der Wissenschaft zahllose Gefangene umbrachte und nach Südamerika entkam, nicht als Unmensch, sondern als distinguierter, von seiner Forschungsarbeit besessener Mediziner dargestellt. Lucia Puenzo verbindet Fiktion mit Fakten bei der Verfilmung ihres gleichnamigen Romans und zeigt in der grandiosen Naturkulisse Patagoniens, wie Mengele während der 1960er-Jahre unter falschem Namen und gedeckt durch andere Nazi-Emigranten weiterhin Experimente mit Menschen anstellt, bis ihn eine Informantin des israelischen Geheimdienstes enttarnt und zur Flucht nach Paraguay zwingt.
Um ganz persönliche Vergangenheitsaufarbeitung geht es in verschiedenen Dokumentarfilmen. Sowohl zeitgeschichtlich wie auch als Persönlichkeitsstudie äußerst interessant ist etwa „Life As a Rumor“. Als Sohn des israelischen Nationalhelden General Moshe Dayan litt Assi Dayan jahrzehntelang an Minderwertigkeitskomplexen, die er durch Erfolge als Filmstar und Regisseur („Life According to Agfa“) oder als Frauenheld zu kompensieren versuchte. Der übermächtige Vater wird als skrupelloser Militarist, Kunsträuber und notorischer Schürzenjäger charakterisiert. Assi genießt das Leben eines Privilegierten zunächst in vollen Zügen. Später führen chronischer Alkohol- und Drogenmissbrauch zu psychotischer Paranoia und Depression, zu gescheiterten Ehen und drei Selbstmordversuchen. Der mit Interviews, Fotos, Archivfilmbildern und Spielfilmausschnitten spannend dokumentierte Lebenslauf wird von Assi Dayan selber mit erstaunlicher Offenherzigkeit kritisch kommentiert.

Text: Ralph Umard

Foto oben „Fading Gigolo“: Jojo Whilden

Foto mittig „Big Bad Wolves“: Jüdisches Filmfestival

Foto unten „Wakolda“: Sebestiбn Puenzo 

20. Jüdisches Filmfestival ?Berlin & Potsdam?, So 30.3. bis So 13.4. im Thalia Potsdam, ?Arsenal, Filmkunst 66, Eiszeit, Neues Off.

Gala-Eröffnung am So 30.3. im Hans Otto Theater, Potsdam

Verlosung 5?x?2 Freikarten für „Sukkah City“ am 7.4., 21.00 Uhr im Arsenal. ?Bitte bis Fr 4.4. E-Mail an [email protected]?berlin.de schicken; Kennwort: Sukkah City

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