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Das Kriegsdrama „Lore“ im Kino

Lore

Deutschland im Frühling, 1945. Das Dritte Reich liegt in Schutt und Asche, und der Krieg geht unaufhaltsam seinem Ende zu. Für die 14-jährige Lore, die die nationalsozialistische Ideologie sozusagen mit der Muttermilch eingesogen hat, fällt die heile bürgerliche Familienwelt plötzlich wie ein Kartenhaus in sich zusammen, als ihr Vater, ein strammer SS-Offizier, die Familie nach Bayern aufs Land expediert, um dort das Kriegsende abzuwarten. Ein Paradies für die vier jüngeren Geschwister, die fröhlich und unbeschwert in den Wiesen am Bach spielen, während Lore insgeheim ihre Mutter beobachtet, die nervös die Nachrichten im Radio verfolgt. Eines Morgens überrascht sie die Mutter, wie sie hektisch versucht, Papiere und Parteiabzeichen zu verbrennen. Lore wird schließlich ohne weitere Erklärungen damit beauftragt, diese im Fluss zu versenken. Hitler soll Selbstmord begangen haben, und die ungebrochen glühende Anhängerin weiß, was sie jetzt erwartet. Die vormals freundlichen Bauern weigern sich auf einmal, der Familie weiterhin Lebensmittel zu geben, ein Jeep mit amerikanischen Soldaten taucht vor dem Haus auf, und Lore sieht, dass die Mutter ein Papier unterzeichnet. Eine Welt bricht zusammen, aber Lore weiß erst mal nur, dass sie jetzt ganz allein für die jüngere Schwester, die Zwillingsbrüder und das kleine Baby sorgen muss.
LoreAuf Geheiß der Mutter soll sie sich mit den Geschwistern nach Hamburg zu der Oma durchschlagen. Tapfer und hoch erhobenen Hauptes führt Lore die Kinderschar durch fast traumhafte Landschaften mit frühlingshellen Feldern und Wiesen, dunkle Märchenwälder, die nach Moder und Verwesung riechen, und durch zerstörte Städte. In einem Schuppen entdecken sie den verrenkten Körper eines toten, vergewaltigten Mädchens. Sie campieren in Notunterkünften, in denen verstörte Flüchtlinge nachts hinter vorgehaltener Hand Hitlers Feigheit beklagen, hören wie beiläufig hitzige Diskussionen über die von den Amerikanern veröffentlichten Fotos der Massengräber, und als der letzte Schmuck verkauft ist, buddeln sie Kartoffeln aus, um nicht zu verhungern. Wie aus dem Nichts taucht eines Tages ein junger Mann auf, der den Geschwistern wie ein Schatten folgt, sie beschützt und sie schließlich mithilfe seiner Papiere, die ihn als ehemaligen jüdischen KZ-Häftling ausweisen, durch die sowjetische Besatzungszone in den britischen Sektor geleitet.
Es ist eine ungewöhnliche Coming-of-Age-Geschichte, die uns die Australierin Cate Shortland erzählt. In einem Film, der den Zusammenbruch Deutschlands durch die Augen eines jungen, zutiefst nationalsozialistisch indoktrinierten Mädchens sieht, in der eine verstörte deutsche Zivilbevölkerung durch ihr zerbombtes Vaterland irrt und nicht begreift, was passiert ist. Zugegeben, man hat Mühe, für Lore, die mit ihren strahlend blauen Augen und blonden, zu einer Gretchenfrisur geflochtenen Haaren einem Werbeplakat für den BDM entsprungen zu sein scheint und in deren fest verankertem Weltbild Juden mit Ungeziefer gleichgesetzt werden, Sympathie zu empfinden.
Dennoch gelingt es Cate Shortland, uns Lores komplexe Gefühlswelten nahezubringen, in denen ihre erwachende Sexualität und Anziehung zu dem jüdischen Mann in verwirrender Weise mit ihren ideologischen Überzeugungen kollidieren. Genau hier liegt vielleicht das mutige, wenngleich riskante Unterfangen dieses Films, der sich vor dem Hintergrund des Holocaust in Grauzonen emotionaler Turbulenzen vortastet, in denen sich plötzlich ungeahnte Abgründe auftun und die Grenzen zwischen Tätern und Opfern zu zerfließen scheinen. Die allmähliche Entdeckung der ungeheuren Naziverbrechen sprengt zwar tiefe Risse in Lores anerzogene Überzeugungen – wie aber soll sie nun mit der Liebe zu ihrem Vater, dem SS-Schergen, und mit der Scham über die Verbrechen ihrer Eltern umgehen?
LoreCate Shortland ist Australierin und Jüdin, aufgewachsen in einem Land, in dem, wie die Filmemacherin betont, der Genozid an der australischen Urbevölkerung bis heute offiziell geleugnet wird. „Lore“, dessen Drehbuch auf der Novelle „The Dark Room“ der britischen Autorin Rachel Seiffert beruht, ist in Deutschland gedreht worden. Für die monatelangen, minutiösen Vorbereitungen und Recherchen hatte Cate Shortland, die selber kein Wort Deutsch spricht, sogar ihre ganze Familie mit nach Berlin verfrachtet – eine Stadt, aus der die Großeltern ihres Mannes, des Filmemachers Tony Kravitz, in den 30er-Jahren geflüchtet waren.
Cate Shortland ist eine ungewöhnliche Frau. Acht Jahre liegen zwischen „Lore“ und ihrem vielfach ausgezeichneten Debütfilm „Somersault“, der sie damals in die internationale Filmszene katapultiert hatte. In den Jahren darauf zog sie es vor, sich um ihre beiden adoptierten Kinder und ihre Mutter zu kümmern und mit ihrem Mann in Soweto für eine NGO Aidskranke im Endstadium zu betreuen. Grenzerfahrungen, ohne die sie, wie sie selber sagt, den Film „Lore“ nicht hätte machen können.
„Ich bin eigentlich jemand, der gewohnt ist, in festen Kategorien zu denken, in diesem Film gibt es aber keine Gewissheiten, die Grenzen in unseren Denkschemata zerfließen, und das war auch für mich ein wichtiger Lernprozess“ sagt Cate Shortland. „‚Lore‘ ist ein Film darüber, wie es sich anfühlt, wenn man von den Menschen, die man liebt, und von der Gesellschaft, in der man lebt, angelogen worden ist.“ Es ist kein Film, der Antworten liefert, seine Stärke liegt in der bewundernswerten Sensibilität, mit der er diese fragilen Momente von Unsicherheit und Gefühlswirrungen einfängt, in denen unsere Gewissheiten Risse bekommen und wir uns neu definieren müssen.

Text: Barbara Lorey

Fotos: Adam Arkapaw

tip-Bewertung: Sehenswert

Orte und Zeiten: „Lore“ im Kino in Berlin

Lore, Deutschland/Australien/Großbritannien 2012; Regie: Cate Shortland; Darsteller: Saskia Rosendahl (Lore), Kai Malina (Thomas), Nele Trebs (Liesl); 102 Minuten; FSK k.A.

Kinostart: 1. November 2012

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