Kino & Stream

Das Kunst- und Kulturfestival Transmediale

Recipes For Disaster„Deep North – Klimawandel bedeutet Kulturwandel“, so ist die diesjährige Transmediale überschrieben. Ein Titel, der ein breites Assoziationsfeld eröffnet und Fragen provoziert: Welche kulturellen Folgen haben Klimawandel und Globalisierung? Welche Strategien und Positionen ent­wickeln Künstler dazu, wie reagieren Gesellschaft, Politik, Wissenschaft und Technologie jenseits alarmistischer Katastrophenrhetorik? Welche Geheimnisse gilt es zu entdecken in der realen wie metaphorischen Überwindung der Polarzone? Alles wird anders, keiner weiß wie, die Transmediale geht auf Forschungsreise in Deep North …
Allerdings ist Deep North kein definierter Ort im Eismeer. Festivalmacher Thomas Munz versteht ihn als „die gefühlte Größe einer unaufhaltsamen Veränderung, deren Ausgang völlig ungewiss bleibt“. Antworten auf die großen Klimawandelfragen wird die Trans­mediale vermutlich nicht liefern. Als international etabliertes Forum des kreativen Austauschs zwischen Künstlern, Medienschaffenden und interessiertem Publikum bietet sie mit der Konferenz „Making/Thinking: The Cultural Tomorrow“ zumindest Gelegenheit für die theoretische Auseinandersetzung mit den Problemen, die die Menschheit bewegen müssten. Der eher informelle Salon, das „Digital Greenhouse„, soll Künstlern, Medienaktivisten, Ha­ckern und Kosmopoliten in Workshops und Strategiediskussionen gar ermöglichen, sich auf die nötige kulturelle Revolution vorzubereiten. Gleich ne­benan, gebettet in eine spezielle Festivalarchitektur im improvisierten Flüchtlingscamp-Design, zeigt die Ausstellung „Survival and Utopia: Visions of Balance in Transformation“ eine Reihe von Beispielen interdisziplinärer Arbeiten, die digitale Umwelt und ihre technologischen Bedingungen reflektieren.
Auch das weiterhin zentrale Film- und Videoprogramm der Transmediale ist mit „Screening Territories“ einem vagen Leitmotiv unterworfen, die Filme werden teils konkreter: Etwa John Websters sehenswertes Lang-Feature „Recipes for Disaster“ (Foto), das humor­voll den klimabewussten Selbstversuch einer finnischen Familie dokumentiert, ein Jahr lang weitgehend auf Erdöl und Kunststoffprodukte zu verzichten. Ähnli­chen Schwierigkeiten, reale oder imaginierte Grenzen zu erkennen und zu überwinden, sieht sich eine Ameise in „Line of Control“ ausgesetzt. Der Kurzfilm ist Teil der Rolle „Culture Panic“, eines von acht Kompilationsprogrammen künstlerischer Videoarbeiten. Insgesamt kommen über 70 Kurz- und Langfilme im gewohnten Spektrum zwischen abstraktem Experiment, subversiver Dokumentation und satirischem Kommentar zur Aufführung, häufig in Anwesenheit der gesprächsbereiten Filmemacher.

Text: Kai Schmidt

Transmediale.09: Deep North, Mi 28.1. bis So 1.2., Haus der Kulturen der Welt, Verleihung des Transmediale Awards und des Vilйm Flusser Theory Awards: 31.1., 20 Uhr.

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