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„Das Labyrinth der Wörter“ im Kino

Das Labyrinth der Wörter

Ob ein solch gefräßiger Schauspieler wie er wohl wirklich noch alle Rollen auseinanderhalten kann, die er sich einverleibt hat? Die Figuren, die Gйrard Depardieu gerade erst in „Mammuth“ und nun in „Das Labyrinth der Wörter“ verkörpert, könnten leicht in der Erinnerung verschmelzen. Er spielt jeweils ein verschubstes, ungebildetes Faktotum aus der Charente, das sich leicht übervorteilen lässt, den Zumutungen des Lebens aber dank einer patenten, lebenstüchtigen Frau an seiner Seite nicht ganz hilflos ausgeliefert ist.   
Dem Zuschauer mag es da schon leichter fallen, die falschen Zwillinge voneinander zu trennen. Visuell gibt sich „Mammuth“ als ein Film von ausgesucht grobkörniger Hässlichkeit, während das „Labyrinth“ in jener hellen, weichgezeichneten Beschaulichkeit leuchtet, die aus den letzten Filmen Jean Beckers wohl vertraut ist. In „Mammuth“ geht es, wie stets bei Benoit Dйlepine und Gustave Kervern darum, das Leben zur Rechenschaft zu ziehen. Bei Jean Becker hingegen ist es nie zu spät, es noch einmal ganz neu zu beginnen. Beim Taubenfüttern im Park lernt Germain (Depardieu) eine kultivierte, ältere Dame kennen (Gisиle Casadesus spielt sie überaus vornehm), die in dem ungeschlachten Hilfsarbeiter eine empfindsame Seele erahnt und beginnt, ihm aus Romanen vorzulesen. Die anspruchsvolle Lektüre bereitet ihm anfangs einiges Kopfzerbrechen, bald jedoch verändert die charmant und kundig unterwiesene Liebe zur Literatur seine Sicht auf die Welt radikal.
Becker liebt als Filmemacher nichts so sehr wie die Harmonie. Regelmäßig gelingt ihm das Kunststück, Komödien oder Dramen zu drehen, die ganz ohne einen Konflikt auskommen. Gewiss, auch die platonische Liebe des geläuterten Einfaltspinsels und der eleganten Greisin hat kleine Hindernisse zu überwinden. Aber das Schicksal ist gnädig in Beckers sonnenüberflutetem filmischen Kosmos. Er dreht seine Filme so, wie man es schon vor Jahrzehnten tat: als ein von Zweifeln und Krisen unangefochtener Traditionalist. Warum sollte es auch anders sein? Immerhin betreiben die Beckers das Kino als Familienunternehmen in der bereits dritten Generation: Vater Jacques war einer der großen Meister des französischen Nachkriegsfilms, Jean genügt die Rolle des gutmütigen Gesellen, sein Sohn Louis geht vorsichtshalber schon einmal als Produzent in die Lehre.

Text: Gerhard Midding

tip-Bewertung: Annehmbar

Orte und Zeiten: „Das Labyrinth der Wörter“ im Kino in Berlin

Das Labyrinth der Wörter (La tкte en friche), Frankreich 2010; Regie: Jean Becker; Darsteller: Gйrard Depardieu (Germain Chazes), Gisиle Casadesus (Margueritte), François-Xavier Demaison (Gardini); 85 Minuten; FSK k.A.

Kinostart: 6. Januar

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