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„Das Leben gehört uns“ im Kino

Das Leben gehört uns

Dennoch mag man sich nicht ganz von dem Eindruck verabschieden, Romйo und Juliette seien Alter Egos ihrer Erfinder. Sie sind ein schmuckes, freies und gleichberechtigtes Paar. Die Prüfung, die ihnen das Leben aufgegeben hat, forderte nach einigen Jahren ihren Preis. Als Liebende werden sie zertrennlich sein, als Eltern jedoch nicht. Bei den Filmemachern war es ebenso. Man spürt, dass ihre innige Verbindung seither lediglich in einen anderen Aggregatzustand übergegangen ist. Sie ergänzen sich, nuancieren die Worte des anderen mit Vertrautheit und Respekt. Beide haben oft zusammengespielt, „Das Leben gehört uns“ ist ihre zweite Zusammenarbeit als Autor und Regisseurin, und die dritte bereiten sie gerade vor.
Das Einverständnis, mit dem sie sich Rechenschaft ablegen über ihre Erlebnisse und das Filmemachen, ist erstaunlich. Es ist nichts zu merken von den Spannungen, die man beispielsweise bei Interviews mit Agnиs Jaoui und Jean-Pierre Bacri spürt, die auch einmal ein Paar waren und nun bloß noch ein Gespann sind. Nur ein Tabu haben sich Donzelli und Elkaпm bei „Das Leben gehört uns“ auferlegt: Den Schmerz, die Qualen des Jungen zeigen sie nicht. „Das war eine erzählerische Zone, die wir nie betreten wollten“, erklärt Donzelli, „denn das war eine Erfahrung, die nur unser Sohn gemacht hat. Alles, was wir davon zeigen könnten, wäre nur unsere Projektion.“ Elkaпm fährt fort: „Das überlassen wir lieber einschlägigen Fernsehdokumentationen. Die dürfen ruhig ihr Publikum zu Tränen rühren.“
In ihrem Film hingegen gibt es viel zu lachen. Er ist eine Hymne an die Widerständigkeit des Lebens. Ihre unbändige Fröhlichkeit wollen sich Romйo und Juliette nicht rauben lassen. Kühn und einfallsreich ringt der Film um den richtigen Erzählton und verfehlt ihn nur selten. Es wird viel gesungen (einmal eine Liebeserklärung an Juliettes Schönheitsfleck) in dieser melodramatischen Komödie aus dem Geist von François Truffaut und Jacques Demy. Es ist erstaunlich, welch großes Vertrauen „Das Leben gehört uns“ in das Gesundheitssystem Frankreichs setzt. Die Flure der Kliniken mögen von abweisender Nüchternheit sein. Aber die Ärzte versuchen ihr Bestes, und es wird am Ende genug sein. In dem berührend unsentimentalen Epilog des Films wird der inzwischen achtjährige Adam von Gabriel, dem Sohn der Filmemacher, gespielt. Das Gerede der Eltern und des Arztes langweilt ihn nur. Er widmet sich lieber seinem Videospiel.

Text: Gerhard Midding

Fotos: PROKINO Filmverleih

tip-Bewertung: Sehenswert

Orte und Zeiten: „Das Leben gehört uns“ im Kino in Berlin

Das Leben gehört uns (La guerre est dйclarйe), Frankreich 2011; Regie: Valйrie Donzelli; Darsteller: Valйrie Donzelli (Juliette), Jйrйmie Elkaпm (Romйo Benaпm), Brigitte Sy (Claudia); 100 Minuten; FSK 6

Kinostart: 26. April

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