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„Das letzte Schweigen“ im Kino

Das Schweigen

Gerade das Grauen muss präzise erfasst werden: Die verstörende Gewalttat zu Beginn von „Das letzte Schweigen“ (nach dem Roman „Das Schweigen“ von Jan Costin Wagner) scheint in den Einstellungen der Kamera schon auf die polizeiliche Ermittlung hin erfasst. Der genauen Datums­angabe folgt die rechtwinklige Aufsicht auf eine Garagenzeile, aus der ein roter Kleinwagen fährt, dann auf ein Waldstück, einen Feldweg, vibrierend vor Details vom Betonklinker bis zu den Baumwipfeln. Der kontrollierende, alles sehende Blick wird brutal konfrontiert mit seiner Machtlosigkeit: Man kann als Kinozuschauer nicht einschreiten und nicht wegsehen, als hier ein Kind vergewaltigt und ermordet wird. 23 Jahre später, auf den Tag genau, sind die Täter noch immer nicht gefasst, und wieder ist es sehr heiß. Als ein weiteres Mädchen an derselben Stelle und nach dem selben Muster ermordet wird, zerbrechen wieder Leben in diesem sommerlichen Kleinstadtidyll, werden Schmerz und Schuld an die Oberfläche gespült.
Der Film, der sich primär für die inneren Dramen seiner Pro­tagonisten interessiert, funktioniert dennoch überzeugend als Krimi, teilweise durch klassische Suspense-Situationen, mehr noch aber durch eine Stimmung der nervösen Unruhe und latenten Bedrohung. Immer stärker  baut sie sich auf und wird dabei gestützt durch die mal melodisch, mal dissonant grummelnde Musik und die flirrenden, scheinbar harmlosen Sommer­szenen mit herumtollenden Kindern, die sich mit Erinnerungsbildern überblenden und eine alptraumhafte Verfremdung erfahren.
Pardon wird nicht gegeben. Der Täter bleibt lange im Dunkeln und auch das Selbstopfer eines Mitschuldigen bringt keinen Frieden, sondern stürzt eine andere Familie ins Leid. Ein düsterer Sommerfilm wie schon „Unter der Sonne“ (2006), der Erstling von Regisseur Baran bo Odar, der hier die Mühseligen und Beladenen in Mannschaftsstärke aufmarschieren lässt.
Diese psychologische Überladenheit ist zwar handwerklich betrachtet grenzwertig, aber sie trägt doch substanziell zur beklemmenden und bedrängten Atmosphäre bei. Das Verbrechen vernichtet nicht nur Leben, sondern zerstört dauerhaft die Möglichkeit zur Kommunikation, nimmt jeden, den es betrifft, einzeln und einsam in emotionale Geiselhaft.

Text: Stella Donata Haag

Foto: Jan Rasmus Voss

tip-Bewertung: Sehenswert

Orte und Zeiten: „Das letzte Schweigen“ im Kino in Berlin

Das letzte Schweigen, Deutschland 2009; Regie: Baran bo Odar; Darsteller: Ulrich Thomsen (Peer Sommer), Wotan Wilke Möhring (Timo Friedrich), Katrin Saß (Elena Lange); 118 Minuten

Kinostart: 19. August

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