Kino & Stream

Das Münchner Filmfest

Auflösungserscheinungen und planloses Gewurstel allerorten. Der Boden unter den Füßen schwankt. Viele der neuen deutschen Kinofilme des Münchner Filmfests, das Anfang Juli zu Ende ging, handelten von Krisen – Beziehungskrisen, Sinnkrisen, Existenzkrisen –, die sich als Reflex lesen lassen auf die eine große Krise, die alle und alles im Griff hat. Angst vor der Zukunft, gepaart mit Verlust- und Versagensängsten, prägen den Blick der Charaktere auf ihre jeweilige Wirklichkeit. „Morgen das Leben“ (Foto) heißt passend der Film von Alexander Riedel, in dem sich drei Menschen um die Vierzig, für die nach landläufiger Meinung der Zug bereits abgefahren ist, bemühen, doch noch einen Zipfel vom konventionellen Glück zu erhaschen. Riedel, der mit „Nachtschicht“ und „Draussen bleiben“ bereits zwei beachtliche Dokumentarfilme in die Welt setzte, inszeniert seine Fiktion mit größtmöglicher Wahrhaftigkeit, unterstützt von ausgezeichneten Darstellern. Dabei ist die Hartnäckigkeit, ja fast schon Trotzigkeit, mit der die Figuren an ihren Sehnsüchten festhalten, durchaus als Kampfansage an erniedrigende Verhältnisse zu verstehen, in denen Bewerbungsgespräche immer öfter zu Verhören werden.
Oder Insolvenzen zu Horrortrips. Zwar würde man die Auflösung einer Firma wohl nicht auf Anhieb für einen Grusel-Stoff halten, doch Alexander Adolph schöpft in „Der letzte Angestellte“ das Potenzial der Existenzangst voll aus. Er lässt einen Firmenliquidator mit labiler Prädisposition auf eine Angestellte treffen, die ihre Entlassung ganz außerordentlich krumm nimmt. Das Ergebnis ist ein unnachgiebiger Schocker, der sich das latente Grauen leerer Bürofluchten ebenso effektvoll zu Nutze macht wie die offene Grausamkeit von Konkurrenzdruck und Gier.
Doch all die teils hilflos verwirrten, teils wütend sich wehrenden Opfer wirtschaftlicher Verheerungen vermochten die Jury nicht zu rühren. Sowohl Sebastian Sterns Kosmetikvertreter-Zusammenbruchs-Tragikomödie „Die Hummel“ als auch Andreas Piepers sorgsam strukturiertes, in schönem Schwarzweiß ruhig erzähltes Randgestalten-Ensemble-Drama „Rheingold“ gingen leer aus. Den Förderpreis Deutscher Film bekam „Shoppen“-Regisseur Ralf Westhoff für seinen neuen Film „Der letzte schöne Herbsttag“, in dem eine Frau und ein Mann die weltbewegende Frage zu klären versuchen, ob sie nun ein Paar sind oder doch nur eine Affäre haben. Nabelschau als Krisenreaktion?

Text: Alexandra Seitz

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