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Das neue Science-Fiction-Kino

Szenenbild aus „Eine Zeitlang sind Studiomanager schreiend davongelaufen“, erinnert sich „District 9“-Produzent Peter Jackson, „wenn man ihnen mit einer Science-Fiction-Story kam. Einige schlechte Filme aus der Ecke hatten nicht funktioniert, der Markt schien ‚Star Wars‘-müde und Fantasy galt als einzig wahres Erfolgsrezept. Immer wenn ein Genre am Boden liegt, ist das nach meinem Erachten der beste Zeitpunkt, um es wieder zu beleben. Für die Idee, Außerirdische durch südafrikanische Ghettos streifen zu lassen, wurden wir anfangs höflich belächelt. Letztlich hat aber das Publikum entschieden, komplexe Gegenwartsthemen sehr wohl auch im Kontext einer fiktiven Prämisse anzunehmen. Das war wie ein Startschuss für die Branche. Man hat begriffen, dass hier mehr drinsteckt als Eskapismus und ein Haufen Kreaturen. Die Leute wollen im Kino entführt werden, aber deshalb nicht zwangsläufig ihre Gehirne unter dem Sitz verstauen. Ich bin optimistisch, dass wir einen wahren Genreboom erleben werden – für Neill Blomkamps nächsten Film ‚Elysium‘ jedenfalls, der auf einer Raumstation angesiedelt sein wird, haben wir sofort grünes Licht erhalten.“
Das Ende der NachtGleiches gilt ebenso für „Hancock“-Regisseur Peter Berg, der mit „Battleship“ (Kinostart: Mai 2012) in einen Zukunftskrieg ziehen will, wie für Leonardo DiCaprio, der als Produzent Aldous Huxleys „Brave New World“ mit Regisseur Ridley Scott neu auflegt. Robert Downey Jr. steht derweil bereits für Alfonso Cuarуns Space-Drama „Gravity“ vor der Kamera, „Iron Man 2“-Macher Jon Favreau lässt gar „Cowboys and Aliens“ (Kinostart: August 2011) aufeinandertreffen, und auch das deutsche Kino liegt im Trend. So wurde in Bayern und auf Korsika mit Hannah Herzsprung und Lars Eidinger gerade von Tim Fehlbaum „Das Ende der Nacht“ abgedreht, ein durch Roland Emmerich angeschobener Thriller, in dem die Erde durch die massiv gesteigerte Strahlkraft der Sonne zum Niemandsland mutiert ist. Doch keine Ankündigung sorgte in der Filmwelt für so viel Vorfreude wie die Entscheidung Ridley Scotts, ein Prequel zu „Alien“ zu drehen. 2008 beim Filmfestival Venedig noch, als er einen Jubiläums-Cut von „Blade Runner“ präsentierte, schien Scott jede Hoffnung aufgegeben zu haben, seriöse Sci-Fi-Stoffe zu finden. „Ich werde seit Jahrzehnten gefragt“, stöhnte Scott, „wann ich mich wieder in eine futuristische Welt begebe. Aber all diese verdammten ‚Star Trek‘-Serien im Fernsehen mit ihren hunderten Planeten und Geschöpfen haben es für den Rest der Filmwelt schwierig gemacht, noch etwas Originelles zu erfinden!“ Scotts Meinungswandel ist der Insistenz James Camerons geschuldet: „Bevor Ridley zum ‚Avatar‘-Set nach Neuseeland kam“, erzählt Cameron, „war er felsenfest überzeugt, sich nur wiederholen zu können, falls er sich wieder mit der „Alien“-Mythologie beschäftigt. Aber nachdem er sah, dass 3-D wie ein neuer Motor ist, der den Regisseur als Fahrer ungeahnte Ziele erreichen lässt, war er nicht mehr zu halten. Ich bin sicher, dass er das Genre revolutionieren wird wie vor dreißig Jahren.“
Die Branche braucht auch dringend ein Label mit Zugkraft und Relevanz, nachdem die Bindung zum Publikum zuletzt bedenklich porös wurde. Trotz einiger ehrbarer Versuche gelang es etwa nie, das Irak-Kriegskino am Markt zu platzieren. Auch zu den ökologischen Problemen unserer Zeit gab es bestenfalls schaurig schöne Desasterproduktionen und zur Wirtschaftskrise hat erst recht noch kein Filmemacher überzeugende Bilder gefunden. In einer Zeit, in der Zukunftsängste latent und allgegenwärtig sind, scheinen auch Filmemacher verunsichert ob der Frage, wie der Zeitgeist angemessen ernst zu reflektieren sei, ohne die Leute mit Pessimismus zu vergraulen. „Die Science Fiction wurde überhaupt nur geboren“, weiß indessen „Inception“-Regisseur Christopher Nolan, „weil sich Schriftsteller Gedanken über unsere Welt machten und Lösungen in der Zukunft suchten. Ihre Antriebskraft war Neugier – und wenn wir als Erzähler zurück zu diesen Wurzeln kehren und an die Kraft unserer Ideen glauben, wird sich hoffentlich auch eine Generation von Zuschauern darauf einlassen, die noch nie etwas gehört hat von Stanislaw Lem oder Isaac Assimov.“

Text: Roland Huschke

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