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Das neue Science-Fiction-Kino

Es ist schon ein paar Jahre her, doch Sam Rockwell, der Star des Weltraumthrillers „Moon“, der jetzt im Kino angelaufen ist, erinnert sich noch bestens an die Arbeit an einem anderen Werk aus diesem Genre, der Sci-Fi-Satire „Galaxy Quest“. „Der innere Fanboy in mir schämte sich fast durchgehend, weil ich ein glühender Fan von Weltraum-Abenteuern wie ‚Star Wars‘ oder ‚Star Trek‘ war und wir das Genre gnadenlos durch den Kakao zogen. Aber wenn ich heute zurückschaue, kommt mir der Film fast wie der liebevolle Abschluss einer Epoche vor. Es waren unschuldigere Zeiten damals, in denen Filmemacher naiv träumen und ziemlich herumspinnen durften. Inzwischen scheinen mir Duelle mit Laserschwertern etwas aus der Mode gekommen zu sein – unsere Idee der Zukunft ist eben auch nicht mehr, was sie einmal war.“
Als Beleg dieser These drängt sich nun tatsächlich „Moon“ auf, der Film, in dem Sam Rockwell gleich (fast) alle Rollen spielt (siehe Interview mit Regisseur Duncan Jones). Als Arbeiter-Astronaut schuftet Rockwell darin auf einer Station, die auf der Rückseite des Mondes liegt, wo er einsam und allein die technischen Abläufe bei der Rohstofferschließung des Trabanten überwacht. Es geht um Zeitvertreib und Lagerkoller und schließlich um den Verdacht, dass auch er bloß eine biologische Maschine ist, ersetzbar durch Klone seiner selbst nach natürlichem Verschleiß. „Moon“ stellt existenzielle Fragen nach Austauschbarkeit und Individualität, nach der Transformation des Menschen – und spürt damit auch einem der Kernmotive des Genres nach. Doch wenn man einmal für einen Moment außer Acht lässt, dass der Schauplatz dieses Filmes rund 384000 Kilometer von der Erde entfernt liegt: Konzernführungen mit gesetzlosen Überwachungsmethoden – dafür muss man nicht auf den Mond, das gibt es schon bei Lidl um die Ecke.
Szenenbild aus Noch näher, nämlich gleich im Kopf seiner Figuren, liegt das Ziel von „Inception“ (Kinostart: 29. Juli), dem neuen, gespannt erwarteten Film von Christopher Nolan („The Dark Knight“, „Memento“). Als wir ihn am Set in England vergangenen Sommer besuchten, herrschte noch strikte Geheimhaltung in Bezug auf die Details seiner Story. Nur zwischen zusammengebissenen Zähnen ließ sich Nolan entlocken, dass er „einen gegenwartsnahen Sci-Fi-Film“ drehe, in dem eine Gang von Spezialisten in Köpfe einbricht, aus dem Unterbewusstsein Ideen stiehlt und Träume manipulieren kann. „Die Story spielt auch in unserer Gegenwart“, erläuterte Nolan in einer Drehpause, „aber es hat mich gereizt, ein futuristisches Element einzuführen, das sich nicht mit technischer Entwicklung, sondern mit der Erforschung unserer geistigen Kapazitäten beschäftigt. Wenn wir träumen, ist unser Gehirn in der Lage, uns in komplett alternative Realitäten zu versetzen, die so glaubhaft sind, dass wir in einem Traum vom Strand den Sand in unseren Händen zu spüren glauben. Warum also in ferne Welten reisen, wenn jeder von uns bereits diese unerforschte Parallelwelt mit sich herumträgt und jede Nacht darin eintaucht?“
„Contemporary Sci-Fi“ – diesen Begriff hört man nun häufig, wenn Hollywood neue Projekte ankündigt oder Überraschungshits gefeiert werden. Bevor etwa letztes Jahr „District 9“ von Neill Blomkamp erfolgreich in die Kinos kam (und am Ende gar eine Oscar-Nominierung ergatterte), schätzten die Studio-Profis die Produktion von Peter Jackson als Randvergnügen für Nerds ein. Doch tatsächlich öffnete die Rassismus-Parabel über in Johannesburg gestrandete Aliens zusammen mit J. J. Abrams‘ Retro-Vergnügen „Star Trek“ die Tore für eine wahre Flut von Science Fiction-Stoffen, die mäßig verhüllte Reflexionen unseres Zeitgeistes sind. Im TV-Bereich gelang es zuvor schon der Serie „Battlestar Galactica“, die Erschließung neuer Lebensräume im All als kniffligen Kommentar auf US-Kriege in Afghanistan und im Irak zu erzählen, wenn Militärs und Pazifisten um ethische Grundfragen stritten. Im Herbst schon kommt „The Adjustment Bureau“ (Kinostart: 7. Oktober) nach einer Kurzgeschichte von „Blade Runner“-Autor Philip K. Dick, in dem Matt Damon als Senator einem nicht ganz irdischen Komplott auf die Fährte kommt. Laut „Tree of Life“-Star Brad Pitt wird auch Terrence Malick in seinem neuen Film (die Premiere wurde schon im Mai für das Festival in Cannes erwartet) tausende Jahre in die Zukunft springen, um die Evolution des Menschen zu skizzieren. Und nimmt man schließlich mit der Cormac McCarthy-Verfilmung „The Road“ (Kinostart: 7. Oktober) noch den jüngsten Beitrag zum Endzeitkino hinzu, fehlt auch das radikale No-Future-Szenario nicht, das unlängst schon mit „Children of Men“ die beste Produktion des Genres der letzten zehn Jahre hervorbrachte.

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