Kino & Stream

Das Pornfilmfestival 2013 im Moviemento

Pornfilmfestival 2013

Das Kino ist eine trügerische Kunst. Seine Fiktionen lassen sich als vielschichtige Wachträume oder Wirklichkeiten zweiter Ordnung lesen, aber je expliziter pornografische Lüste (oder Gewalt) darin auftauchen, desto schwerer fällt es manchmal, diese Komplexität noch zu sehen. „Kink“ heißt der Eröffnungsfilm des Berliner Pornfilmfestivals (PFF), und er zeigt sehr smart das Spannungsfeld, in dem queere, im umfassenden Sinn emanzipatorische Pornografie heute agiert. Kink.com ist eine US-Website für BDSM-Pornografie mit globalem Millionenumsatz und feinen inhaltlichen Ausdifferenzierungen. Nicht zufällig entstehen die Filme von Kink im liberalen San Francisco. Im Armory, einem riesigen Kasernengebäude, das früher einmal der Nationalgarde gehörte, werden dort nonstop Filme mit lesbischen Wrestling-Athletinnen produziert, mit Transgender-Dominatrixen, Bondage-Afficionados oder Fans von raueren Gruppensexorgien. Konsensualität ist das alleroberste Gebot: Die letzte Kontrolle liegt bei den Modellen, die sich den Torturen ausliefern. Die ProduzentInnen der Filme, das zeigt „Kink“, hantieren souverän mit Genderdiskursen und können über sexpositiven Feminismus genauso philosophieren wie über die Abwehrmechanismen von Menschen, die nur reine Negativität in den Fair-Trade-Exzessen von Kink erblicken wollen. Die explizite Doku hat der Gesamtkünstler James Franco mitproduziert, der im Festival auch mit seiner „Cruising“-Rekonstruktion „Interior. Leather Bar“ vertreten ist, die im Februar auf der Berlinale lief.

Weiterlesen: Pornfilmfestival-Leiter Claus Matthes über differenzierte Pornografie, Fetisch-Sex und das schwierige Thema Phädophilie.

In anderen Programmen zeigt das PFF, wie entspannt sich gleich auf den ersten Blick hierarchiefreie Verhältnisse darstellen können, wenn etwa das (hier heterosexuelle) Paar in „Give and Take“ gut aufgelegt mit Konstellationen spielt, die aus Beatriz Preciados „Kontrasexuellem Manifest“ stammen könnten, worin Dildo und Anus als genderübergreifende Spielzeuge einer kommenden Gesellschaft gefeiert werden.
Anekdotisch verhandelt wird die Vielheit der menschlichen Begierden gleich daneben in einer Runde aus extravaganten Sexarbeiterinnen aus Berlin, die sich in „Kopfkino“ mit formaler Strenge über Aspekte ihrer Professionen austauschen. Parallel gibt es u. a. Filme über die Performerin Peaches, Hommagen an den japanischen Post-Pink-Regisseur Koichi Imaizumi oder den Berliner Filmemacher RP Kahl („Bedways“), aber auch Workshops, deren Themen von der feministischen Tentakel-Sexspielzeug-Manufaktur bis zu schwangeren Lüsten reichen. Die Vielfalt dieses Festivals übersteigt seinen eigenen Titel: Es ist längst jenseits von Porn angekommen.

Text: Robert Weixlbaumer

Pornfilmfestival, 23.-27.10., Kino Moviemento

www.pornfilmfestivalberlin.de

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