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„Das radikale Böse“ im Kino

Nach seinem oscarprämierten Film „Die Fälscher“ beschäftigt sich Stefan Ruzowitzky erneut mit der NS-Zeit. Die Aufgabe, die er sich in seinem dokumentarischen Film stellt, ist denkbar groß: Er fragt danach, wie sich „Das radikal Böse“ konstituiert, das sich im Mord an Europas Juden durch die Nationalsozialisten manifestiert hat. Wie etwa war es möglich, dass während des Russlandfeldzugs 1941 treu sorgende Familienväter auf Frauen und Kinder schossen und einige dabei vielleicht sogar so etwas wie Mordlust verspürten?

Ruzowitzky lässt die Verstorbenen mithilfe eines Kunstgriffs zu Wort kommen, indem er Selbstaussagen von Männern montiert, die an den systematischen Morden an der jüdischen Bevölkerung in den Dörfern beteiligt waren. Den Hördokumenten, die er unterschiedlichsten Quellen entnimmt, stellt er nachgestellte Szenen und Nahaufnahmen junger Männer in Uniformen gegenüber; Bilder, die aussehen wie authentisches Filmmaterial von der Front. Daneben kommen Fachleute zu Wort, die oft erhellend Aspekte über den Gruppenzwang unter Soldaten darlegen, hinzu kommen Ergebnisse bekannter psychologischer Tests wie etwa des „Milgram-Experiments“; auf der Bildebene sind dann Schauspieler in einem leeren Raum zu sehen, die die jeweilige Versuchsanordnung nachstellen.

Ähnlich kreativ und ästhetisch umgesetzt hat man einen dokumentarischen Film zum Thema wohl noch nicht gesehen. Doch stellt sich ein paradoxer Effekt ein: Durch die bewussten Ton-Bild-Scheren, in denen Gräueltaten etwa mit lächelnden Darstellergesichtern montiert werden, entsteht eine Wirkung, die das Geschehen letztlich wieder in den Bereich des kaum Erklärbaren rückt. Wenn im Bild Namenslisten ermordeter Juden zu sehen sind und auf der Tonspur die Beschreibung eines weihnachtlichen Festmahls an der Front zu hören ist, wirkt die Montage auch aufdringlich, man spürt eine Distanz zu Ruzowitzkys ästhetisierten Bildern.
Da helfen auch die Ergebnisse besagter psychologischer Experimente nicht weiter. Letzten Endes lässt die ehrgeizige Recherche den Zuschauer hinsichtlich der Frage ratlos zurück, warum die Taten des Holocaust ihre extreme Form annehmen konnten.

Text: Ulrike Rechel

Foto: W-film / docMovie / Benedict Neuenfels

tip-Bewertung: Zwiespältig

Orte und Zeiten: „Das radikal Böse“ im Kino in Berlin

Das radikal Böse, Deutschland/Österreich 2013; Regie: Stefan Ruzowitzky; 96 Minuten; FSK 12

Kinostart: 16. Januar

 

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