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„Das rote Zimmer“ im Kino

Das rote Zimmer

Seit fast 50 Jahren blickt Rudolf Thomes Kino sanft, ironisch und häufig utopisch auf Geschlechterverhältnisse. Auch in das „Das
rote Zimmer“
wird eine überraschende Konstellation um zwei Frauen und einen Mann durchdekliniert. Der Film erzählt die Geschichte von einem zurückhaltenden, romantisch veranlagten Berliner Wissenschaftler, der die Biochemie des Kusses erforscht, während sein Privatleben auseinanderzufallen scheint. Zufällig trifft er gerade zum richtigen Zeitpunkt auf zwei Frauen, die am Rand eines Dorfes in Ost-Vorpommern mit heiterer Ernsthaftigkeit Männerseelen erkunden und den Forscher nach und nach in ein locker gespanntes, amouröses Dreieck eintreten lassen.
Leicht verschmitzt, zärtlich und amüsiert erzählt der Film dabei von den Handlungen seiner Protagonisten, die sich mit traumwandlerischer Sicherheit innerhalb ihres Beziehungswagnisses bewegen. Die Erzählung versetzt sie dabei in Zustände, die locker an die sommerliche Realität von Stadt- und Landleben gebunden sind, sich aber auch jederzeit davon lösen können, wenn beispielsweise unvermittelt die Göttin der Liebe aus dem nahen See auftaucht und zum Stelldichein bittet. Als sei er selbst von der lässigen Kühnheit der Geschichte überrascht, scheint sich Thomes meisterlich komponierter Film dabei verwundert die Augen zu reiben. Nie jedoch verliert die Erzählung ihre sicher ironische Fassung.
Mit leichter Hand skizziert und von fein schwebendem Musikeinsatz unterlegt, wird bei Thome die Schwerkraft des Identifikationskinos außer Kraft gesetzt. Die meist knapp gehaltenen Szenen sind von der Kamerafrau Ute Freund souverän in klaren, von mittleren Distanzen und Halbtotalen geprägten  Bildern fotografiert. Aufgefächert werden dabei unaufdringlich „Formen der Liebe“ (so der Titel eines lesenswerten, kürzlich erschienenen Sammelbands über Rudolf Thome), die mit sanft-faktischer Überzeugungskraft die Figuren ergreifen.
Mit der Liebe sei nicht zu spaßen, sagt einmal der Kussforscher, als sich unauflöslich scheinende Konflikte um Eifersucht und Verlustangst zwischen die Figuren setzen. Doch Thomes Möglichkeitssinn kennt auch da einen Ausweg.

Text: Michael Baute

tip-Bewertung: Sehenswert

Orte und Zeiten: „Das rote Zimmer“ im Kino in Berlin

Das rote Zimmer, Deutschland 2010; Regie: Rudolf Thome; Darsteller: Katharina Lorenz (Luzie), Seyneb Saleh (Sibil), Peter Knaack (Fred); 100 Minuten; FSK 12

Kinostart: 13. Januar

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