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„Das Schmuckstück“ im Kino

Das Schmuckstück

Eine gepflegte, auch mit Mitteln der kosmetischen Chirurgie wohlerhaltene Dame der besseren Gesellschaft absolviert im auffälligen roten Jogginganzug und geziert pustend ihr morgendliches Training in idyllischer Landschaft. Kurz darauf serviert sie in perfekten Schühchen und mit kitschigem Umbindschürzchen in der Fabrikantenvilla ihrem griesgrämigen Ehegatten das Frühstück. Catherine Deneuve, man muss es ihr lassen, sieht auch in den schlimmsten Kostümen hervorragend aus, auch noch mit bald 70 Jahren. Dass sie sich in diese Rolle stecken lässt, ist nicht selbstverständlich. Die Deneuve ist immer noch die kühle Blonde des französischen Kinos, von der Boulevardkomödie im Prinzip so weit weg wie ihre Filmfigur Suzanne Pujol von einem erfüllten oder gar emanzipierten Leben.
François Ozon, der ein offensichtliches Faible für kitschige Retronummern hat – von der musikalischen Komödie „8 Frauen“ (2002, ebenfalls mit Catherine Deneuve) bis zum epischen Melodrama „Angel“ (2007) – versucht sich auch hier an einem älteren Stoff: Die Vorlage zu „Potiche“ liefert eine Komödie von Pierre Barillet und Jean-Pierre Grйdy von 1980. In bester französischer Boulevard-Tradition fliegen darin die Wortspitzen hin und her und die Figuren sind allesamt restlos überzeichnet, was Ozon freilich nicht hindert, daraus eine kleine, politische Fabel mit undeutlicher Moral zu machen.
Das SchmuckstückWir befinden uns tief in den Siebzigerjahren, tief in der französischen Provinz, und Suzanne Pujol hat sich resigniert mit ihrem Leben als repräsentative Ehegattin, als „Schmuckstück“, arrangiert. Die Regenschirmfabrik, die sie in die Ehe eingebracht hat, wird von ihrem Gatten (Fabrice Luchini) mit der gleichen kapitalistischen Härte und Menschenverachtung geführt, die er auch ihr entgegenzubringen scheint; auf ihre gut gemeinten Ratschläge hört er ebenso wenig, wie er sich an ihren Geburtstag erinnert oder sich geniert, sie vor ihren Augen mit seiner Sekretärin zu betrügen.
Aber dann gerät diese Welt doch ein bisschen aus den Fugen, ein Streik bricht aus, der Mann erleidet einen Herzinfarkt – und Madame muss wohl oder übel die Zügel selbst in die Hand nehmen. Mithilfe des kommunistischen Bürgermeisters Babin (Gйrard Depardieu), mit dem sie offensichtlich von früher her ein zartes Band verbindet, schlichtet sie nicht nur die Streikwellen, sondern übernimmt auch die Fabrikführung mit sehr viel mehr Verstand als ihr verbiesterter Gatte. Alles wendet sich zum Besten, die Frau hat sich emanzipiert, der Patriarch ist entmachtet, und der Film könnte zu Ende sein. Hätte der Regisseur da nicht noch ein paar weitere Kapriolen im Hinterkopf.
Denn obwohl Ozon die lustvoll-oberflächliche Komödienvorlage von Barillet und Grйdy über weite Strecken übernimmt, versucht er gleichzeitig, der Geschichte eine gewisse Relevanz zu verleihen: Es habe ihn schon seit Langem gereizt, erklärte der Regisseur, einen Film über die Stellung der Frau in der Gesellschaft zu drehen. Warum dies ausgerechnet auf Grundlage eines Boulevardstücks geschehen musste, das in den 70er-Jahren spielt, bleibt allerdings sein Geheimnis. Allzu wenig hat die leichtherzige Retro-Komödie mit irgendwelchen aktuellen Problemen zu tun, ja, ihre schiere altmodische Anmutung verleiht ihr zwangsläufig eine konservative Note. Dass es auch anders geht, beweist gerade die französische Komödie „Der Name der Leute“, die Mitte April in Deutschland starten wird, mit nicht geringerem Stilwillen, aber viel größerer Gegenwärtigkeit und politischem Witz.
Immerhin verleihen Catherine Deneuve und Gйrard Depardieu in Ozons Film ihren Figuren Dimensionen von einer gewissen Wahrhaftigkeit. Der Augenblick, in dem sich die beiden in die Jahre gekommenen ehemaligen Liebhaber einander wieder annähern, ist gleichzeitig komisch und ergreifend. Es sind solche Momente, die dem Film, der ansonsten weder als Komödie noch als ernsthafter Gesellschaftskommentar ganz funktioniert, doch ein bisschen Leben einhauchen.

Text: Catherine Newmark

tip-Bewertung: Zwiespältig

Orte und Zeiten: „Das Schmuckstück“ im Kino in Berlin

Das Schmuckstück (Potiche), Frankreich 2010; Regie: François Ozon; Darsteller: Catherine Deneuve (Suzanne Pujol), Gйrard Depardieu (Maurice Babin), Fabrice Luchini (Robert Pujol); 104 Minuten

Kinostart: 24. März

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