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Das Spielfilmporträt „Sйraphine“ im Kino

Um einen wirklich großen Film über die Malerei zu drehen, braucht es jedoch noch mehr: ein aufmerksames Ohr. Die Meister des Genres, etwa Maurice Pialat, sind empfindsam für die alltäglichen Geräusche, die den Künstler umgeben, das Ambiente, in dem seine Inspiration gedeiht.
Von Sйraphine ist anfangs nicht mehr zu sehen als ihre Hand, die durch das plätschernde Wasser eines Baches streicht, während in der Nähe eine Glocke die Gläubigen in die Kirche ruft. In dieser ers­ten Einstellung ist schon alles enthalten und doch noch nichts preisgegeben von dem, was Martin Provost über die Malerin erzählen will: die religiöse Inbrunst, mit der sie auf die Einflüsterungen der Natur und der Engel lauscht, welche später ihren Pinsel führen werden; das Vergehen der Zeit, das sich in dieser Biografie vorzugsweise auf der Tonspur entfaltet; der Krieg ist vor allem ein Donnergrollen am Horizont. Michael Galassos Musik horcht auf die Geräusche der Natur und weiß zu schweigen, wenn Sйraphine nachts die Farben im Mörser mischt und sodann einen Choral anstimmt, denn ihr Schaffen begreift sie als Kommunion mit der Heiligen Jungfrau.
Sйraphine Louis, genannt Sйraphine de Senlis (1864 bis 1942), war keine Künstlerin wie andere. Die Waschfrau und Dienstmagd war Autodidaktin, kannte sich in der Kunstgeschichte nicht im Mindes­ten aus, sondern schöpfte alles aus ihrem Inneren. Yolande Mo­reau leiht ihr ihre robuste Gestalt, die der alltäglichen Mühsal trotzt, um in nächtlicher Ekstase Bilder von roher, leuchtender Schönheit zu schaffen. Ihr Werdegang ist ein wehmütiger Triumph über Vorhersehbarkeit und Konventionen. Zwei Jahre vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs entdeckt der deutsche Kunstkritiker und visionäre Sammler Wilhelm Uhde (Ulrich Tukur) das Talent seiner Zugehfrau. Über die wechselvollen Zeitläufte hinweg bleibt er ihr Mäzen und Förderer.
Provosts Film konzentriert sich auf das vieldeutige Verhältnis zweier Außenseiter (Uhde ist homosexuell), in dem provinzielle Enge und urbane Modernität eine fürsorgliche Allianz eingehen. Ein Meisterstück erzählerischer Dis­tanz, dem zahlreiche Abblenden einen Rhythmus taktvoller Diskretion verleihen: Nie behauptet der Film, das Rätsel ihrer Inspiration enthüllen zu können. Mit zärtlicher Anteilnahme begleitet er Sйraphine auf ihrem Weg in den Wahn. Sie bleibt ihm unergründlich; was auch eine Frage des Res­pekts ist.

Text: Gerhard Midding

tip-Bewertung: Sehenswert

Orte und Zeiten: „Sйraphine“ im Kino in Berlin

Sйraphine, Frankreich/Deutschland 2008; Regie: Martin Provost; Darsteller: Yolande Moreau (Sйraphine Louis), Ulrich Tukur (Wilhelm Uhde),
Anne Bennent (Anne-Marie Uhde); Farbe, 125 Minuten

Kinostart: 17. Dezember

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