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„Das Summen der Insekten“ im Kino

Das, was jeder gern verdrängt, steht im Mittelpunkt des Essayfilms „Das Summen der Insekten“ des Schweizer Dokumentar- und Experimentalfilmers Peter Liechti: der Tod. Der ist in der industrialisierten Gesellschaft längst aus der persönlichen Erfahrungswelt der Menschen verschwunden: Man stirbt anonymisiert in Hospitälern und Altersheimen unter Aufsicht von Fachpersonal, die Familie erscheint anschließend zur Urnenbeisetzung. Und würde man eine Umfrage starten über den wünschenswertesten Tod, so stünde wohl der plötzliche Herzschlag an erster Stelle: Einfach umfallen und weg sein, das erhoffen sich vermutlich die meisten Leute.
Demgegenüber steht der Tod als radikale persönliche Erfahrung, wie ihn Liechti in seinem Film beschreibt: ein zweiundsechzig Tage währender Selbstmord durch Verhungern. Die Geschichte geht auf eine wahre Begebenheit zurück, die sich in Japan ereignete: Ein Mann zog sich im Sommer in ein Waldstück zum Sterben zurück, als man ihn Monate später fand, war sein Körper mumifiziert.
Er hatte ein Tagebuch hinterlassen, in dem er sein Sterben minuziös beschrieb, ohne allerdings einen Grund für seinen Freitod anzugeben.
Der japanische Autor Masahiko Shimada verarbeitete dieses Geschehen 1990 zu seiner Erzählung „Miira ni maru made“ (Bis ich zur Mumie werde), die Liechti als Grundlage für einen Film genommen hat, der die aus dem Off vorgetragenen (fiktiven) Tagebuchaufzeichnungen assoziativ, manchmal symbolisch bebildert, dabei dunkle Stimmungen evoziert und die Träume des Sterbenden in einem dahin fließenden Bewusstseinsstrom vorüberziehen lässt. Man sieht hier also niemandem direkt beim Sterben zu, vielmehr erscheinen die Bilder fast körperlos. Sie wecken das Gespür des Zuschauers für eine veränderte, schärfere Wahrnehmung der Natur und des Lebens, wie sie sich auch auf der dem Bild gleichrangigen Ton­ebene ausdrückt: Die Geräusche von Wind, Regen und Gewitter, das Rascheln der Blätter sowie das titelgebende Summen der Insekten werden auf diese Weise zur intensiven Erfahrung.  
Für Liechti ist diese persönliche Wahrnehmungsebene wichtiger als die philosophisch-religiösen Fragen, die das Geschehen natürlich auch aufwirft (das Sich-Selbst-Mumifizieren spielt etwa im Buddhismus eine Rolle): Gibt es ein drüben, fragt sich da der nichtgläubige Protagonist, und Shimadas Text wird sogar ziemlich ironisch, wenn er den Sterbenden von einer Wartehalle des Jenseits träumen lässt, in der Cola und Hotdogs verkauft werden. Hier spürt man auch die Intentionen des gesellschaftskritischen Autors Shimada heraus, der seine Hauptfigur nicht sinnlos sterben lässt: „Ich glaubte, der Bedeutungslosigkeit des Lebens mit meinem Tod doch noch etwas Eigenes entgegensetzen zu können.“

Text: Lars Penning

tip-Bewertung: Sehenswert

Orte und Zeiten: „Das Summen der Insekten“ im Kino in Berlin

Das Summen der Insekten, Schweiz 2009; Regie: Peter Liechti; Farbe, 88 Minuten

Kinostart: 6. Mai

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