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„Das Turiner Pferd“ im Kino

Das Turiner Pferd

Am 3. Januar 1889 fällt Friedrich Nietzsche in Turin einem Gaul um den Hals; es ist der Beginn seiner bis zum Tod währenden geistigen Umnachtung. Ein Erzähler berichtet zu Schwarzbild von diesem berühmten Vorfall und schließt mit den Worten: „Vom Pferd wissen wir nichts.“ Der Film, der folgt, macht etwas gut und erzählt uns etwas von diesem Pferd.
Minutenlang zieht es nach dem Prolog in einer ungeschnittenen Fahrt eine Kutsche durch stürmische Dämmerung. Dazu leiert düstere Akkordeon- und Cellomusik und hört so schnell nicht wieder auf. Vom Pferd vor der Kutsche, vom Mann auf dem Bock, vom Haus, in dem der Mann wohnt, von seiner Tochter, die als Einzige mit ihm in diesem Haus lebt, vom Pбlinka-Brand, den sie trinken, von den Kartoffeln, die sie zermatschen und essen, vom Wind, der ohne Unterlass weht, erzählt Bйla Tarrs „Das Turiner Pferd“. Und zwar in Schwarz-Weiß.
Es geschieht im engeren Sinn nicht viel, und das wenige wiederholt sich. Der Wind immerzu, die eine und die andere Kartoffel, das Schüren des Feuers. Einmal ziehen Zigeuner heran und werden verjagt, einmal kommt einer ins Haus und spricht eine minutenlange Suada vom Niedergang der Welt in manchem Detail und vor allem im Großen und Ganzen. „Das ist doch Quatsch“, sagt der Kutscher, der Fremde zahlt für den Obstbrand, zuckt mit der Schulter und wankt durch den Wind draußen davon. Sechs Tage, in denen sich mit wenig Dramatik die Zeichen herannahender Düsternis immer mehr verdichten – dann folgt der Weltuntergang.
Bйla Tarr hat als Regisseur einen ganz eigenen Stil ausgeprägt, mit langen Sequenzen und so störrischen wie virtuosen Kamerafahrten (Kameramann Fred Kelemen ist ein Meister für sich). Mit dem Vorgänger „Der Mann aus London“ war Tarr nach seinen Meisterwerken „Satanstango“ und „Die Werckmeisterschen Harmonien“ schon fast bei der Selbstparodie angekommen. Sein „Turiner Pferd“ aber bläst der Welt auf ganz eigene und hypnotische Art das Licht aus. Tarr verkündet, dass dies sein letzter Film bleibt: Es wäre nur konsequent.

Text: Ekkehard Knörer

Foto: Basis Filmverleih

tip-Bewertung: Herausragend

Orte und Zeiten: „Das Turiner Pferd“ im Kino in Berlin

Das Turiner Pferd (A torinуi lу), Ungarn/Frankreich/Deutschland/Schweiz/USA 2010; Regie: Bйla Tarr; Darsteller: Erika Bуk (Ohlsdorfers Tochter), Jбnos Derzsi (Ohlsdorfer), Mihбly Kormos (Bernhard); 146 Minuten; FSK k.A.

Kinostart: 15. März

Lesen Sie hier: Ein Interview mit Bйla Tarr

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