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Das waren die Filmfestspiele von Venedig

Tinker, Tailor, Soldier, SpyZu einem freudianischen Drama anderer Art machte Tomas Alfredson seinen mit irrwitzigem Understatement inszenierten Spionagefilm „Tinker, Tailor, Soldier, Spy“ (Szenenfoto oben). John le Carrйs ikonische Geheimdienstfigur verkörpert hier Gary Oldman als halbdepressive Mischung aus Sherlock Holmes und Freud, der Stück für Stück das heimliche Begehren seiner Geheimdienstfamilie, sein eigenes mit eingeschlossen, enthüllt. Und auch Steve McQueens „Shame“ gesellte sich mit seinem sexsüchtigen Protagonisten (Michael Fassbinder in einer zweiten, exhibitionistischeren Wettbewerbs-Performance) zu diesen Psychodramen, auch wenn die Erzählstrategie des Regisseurs den Stoff unglücklich zu verengen drohte, statt noch tiefer ins Gefühlsfundament der Figur einzudringen.
Als Gegengewicht versammelte Festivaldirektor Müller daneben Filme, die jedes Identifikationsspiel gleich von Anfang an durchkreuzten. Philippe Garrels skizzenhafte Freundschaftsstudie „Un йtй brыlant“ wehrte sich ebenso konsequent gegen die Vereinnahmung durch den Zuschauerblick wie der griechische Film „Alpis“ von Yorgos Lanthimos, der von einer kleinen Gruppe von Männern und Frauen erzählt, die sich Trauernden als Platzhalter verlorener Menschen zur Verfügung stellen.
Auch Jessica Krummachers „Totem“ in der Nebenreihe „Settimana della critica“ operierte in einem merkwürdig surrealen Raum. Der Abschlussfilm der Münchner Regiestudentin offenbarte ein immenses Talent für irritierende Verschiebungen, mit denen sie in einer aufmerksam kontrollierten Bewegung das Porträt einer jungen Haushaltshilfe und ihrer kleinbürgerlichen Herrschaftsfamilie zu einem alptraumhaften, abwechselnd von Wahnsinn und höchster Vernunft durchwehten Stimmungsbild verdichtete.
FaustDie vollkommene Verflüssigung der Zeichen konnte man schließlich im deutschesten Film des Wettbewerbs sehen, inszeniert vom russischen Regisseur Aleksandr Sokurow. Als abschließender Teil einer Tetralogie, in der er schon Hitler („Moloch“), Lenin („Taurus“) und den japanischen Tenno („Sun“) einer Vivisektion unterzog, nimmt sich Sokurow nun Goethes „Faust“ (Szenenfoto links) vor, um ihn in eine fantastische, hysterische Fantasie zu überführen. Wer sich einlässt auf den hypnotischen Ton, die grünstichigen Bilder, inspiriert von spätromantischen Karikaturen und Gemälden, der erlebt die Auflösung des Quellentextes in einem vielstimmigen Gespinst. Figuren fusionieren, Textfragmente wandern von einem Mund in den nächsten, von Gretchen zu Freud zu Mephisto, der selbst ein Mischwesen aus Mensch und Tier, Teufel und Engel ist. Alles gerät in einen eigenen, unvergleichlichen Takt, bestimmt von einer Uhr mit abseitiger, organischer Mechanik, die in jede Richtung laufen kann, nach ihrem ganz eigenen Gesetz.

Text: Robert Weixlbaumer

Lesen Sie hier: Die Preisträger der 68. Filmfestspiele von Venedig

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